Starökonomin gewinnt Wette gegen Starökonom

Beatrice Weder di Mauro.
Beatrice Weder di Mauro.

Die Schweizer Ökonomin Beatrice Weder di Mauro war der gestrige Stargast am Alpensymposium. Nach Einschätzung der bekennenden Eurobefürworterin hat die Eurokrise das Schlimmste hinter sich.

Beatrice Weder di Mauro ist womöglich nicht die brillanteste Ökonomin der Schweiz, mit Sicherheit aber die berühmteste. Berühmt wurde die in Guatemala und Basel aufgewachsene Schweizerin und Tochter eines Pflanzenschutzexperten von Ciba-Geigy vor zehn Jahren, als sie als erste Frau und erste Ausländerin in den deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen wurde, besser bekannt als «Rat der Wirtschaftsweisen». Vor zwei Jahren gab sie das prestigeträchtige Amt auf, nachdem die UBS sie in den Verwaltungsrat nominiert hatte. Und im vergangenen Sommer wurde die an der Johannes-Gutenberg-Universität lehrende Volkswirtschaftsprofessorin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in eine Kommission berufen, welche die Vor- und Nachteile der umstrittenen Eurobonds untersuchen soll.

Krisenländer erholen sich

Zu Eurobonds sagte Beatrice Weder di Mauro gestern am Alpensymposium in Interlaken nichts. Dafür erzählte sie, dass sich die krisengeschüttelten peripheren Euroländer auf dem Weg der Besserung befänden. Gerade Griechenland habe die grössten Reformen erzielt, vor Irland, Portugal und Spanien. Die Ökonomin belegte das anhand makroökonomischer Kennziffern, wie etwa der Lohnstückkosten, welche sich unter den Ländern angenähert hätten. «Man hätte vor vier Jahren kaum für möglich gehalten, wie sehr sich die Krisenländer zu reformieren vermögen», sagte die bekennende Eurobefürworterin. Noch hätten sich aber nicht alle Wolken verzogen, erklärte sie. Und die Spuren der Krise würden noch lange sichtbar sein. Sie sprach auch von der Staatsverschuldung. Wie jedoch die Schuldenberge auf eine vernünftige Höhe abgetragen werden sollten, liess die polyglotte Wissenschaftlerin offen

Mainstream-Ökonomin

Die 48-jährige Baslerin ist bekannt dafür, dass sie sich als Ökonomin nicht aus dem Fenster lehnt. Deshalb darf man nicht erstaunt sein, dass der gestrige Stargast am Alpensymposium im Hotel Jungfrau-Victoria wenig Originelles oder Überraschendes preisgab. Die mit einem sizilianischen Volkswirtschaftsprofessor verheiratete Doppelbürgerin gilt als Mainstreamökonomin, als Liberale, die aber nicht ideologisch verbrämt ist. Damit schafft sich die Mutter eines Sohnes keine Feinde, dafür lukrative Verwaltungsratsmandate bei Roche oder bei der UBS. Wie es scheint, nimmt sie in ihrer Freizeit mehr Risiken in Kauf: Gemäss «Bilanz» ist sie eine Hobbykletterin. Und Teilnehmer eines Anlasses in Zermatt erinnern sich, wie die zierlich wirkende Frau nach der Tagung mit dem Mountainbike auf die Alp radelte.

Roubini verliert gegen Weder

Der weltberühmte US-Nationalökonom Nouriel Roubini, der im letzten Juni am SEF in Interlaken aufgetreten war, wettete mit Weder di Mauro um eine Flasche Champagner. Er wettete, dass die Eurozone auseinanderbreche. Sie wettete dagegen. Nach ihrem Vortrag erklärte Weder di Mauro im Gespräch mit Moderator Stephan Klapproth, dass Roubini ihr die Flasche wohl in den nächsten Wochen überreichen werde. «Ist Ökonomie Glücksache?», fragte Klapproth. «Nein», erwiderte die ehemalige «Wirtschaftsweise». Dieser Eindruck entstehe, weil Ökonomen häufig an ihren Prognosen gemessen würden. «Prognosen machen in der Ökonomie rund 5 Prozent aus», sagte Weder di Mauro. In der Ökonomie gehe es darum, die Mechanismen der Wirtschaft zu verstehen und zu erklären. Genau das tat gestern die berühmte Ökonomin in ihrem Vortrag. Nur dass das meiste einem wirtschaftsinteressierten Publikum bekannt gewesen sein dürfte.

 

Erschienen in der BZ am 15.  Januar 2014

Claude Chatelain