Vierte Säule: Die tiefen Zinsen sind wie eine Droge

Ein Leser regte sich fürchterlich auf, als er die Abrechnung für sein Mietzinskonto erhielt. «Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich sah, wie viel beziehungsweise wie wenig Zins auf diesem Konto gewährt wird: sage und schreibe 0,1 Prozent, jawohl, 0,1 Prozent!», schreibt er dieser Zeitung. Für die Kaution von 5760 Franken habe er in zweieinhalb Jahren einen Zins von «sagenhaften» Fr. 29.45 erhalten.

«Ich finde es eine absolute Frechheit», schreibt der Leser weiter, was sich die Finanzinstitute alles erlaubten. Wenn sie Milliarden verspekulierten, sei niemand schuld. Aber die Zeche bezahlt Otto Normalverbraucher. «Das ist nicht fair, trotzdem tut keiner was dagegen.» Mir ist nicht klar, ob sich der Leser vor allem über das Gebaren der Banker oder über die mickrige Verzinsung ärgert. Klar ist hingegen, dass die tiefen Zinsen in der Tat mit den verheerenden Spekulationen der Banker zu tun haben. Um die Weltwirtschaft vor einem Finanzkollaps zu bewahren, warfen die Zentralbanken die Notenpresse an und überfluteten die Märkte mit viel Liquidität. Die Banken erhalten das Geld von der Nationalbank fast gratis, sodass sie auf Spargelder kaum angewiesen sind. Fünf Jahre ist es her, dass die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleitegegangen ist. Sie ging pleite, weil in ihrem Fall der Staat nicht eingreifen wollte. Andere Geldhäuser wurden dagegen vom Staat gerettet. Wie gesagt: Das war vor fünf Jahren. Und noch heute regen sich Bankkunden darüber auf. Das finde ich bemerkenswert.

Was die tiefen Zinsen betrifft, scheint mir der Ärger des Lesers unberechtigt zu sein: Die Wirtschaft profitiert von günstigen Betriebskrediten, die Mieter von fallenden Mieten und die Hausbesitzer von spottbilligen Hypotheken, wie der nebenstehende Artikel von Kollege Jürg Zulliger zeigt. Und doch wünsche ich mir, dass die Zinsen wieder auf ein gesundes Niveau steigen. Es ist gefährlich, wenn man zu sehr auf das billige Geld vertraut. Der tiefe Zins ist wie eine Droge. Er macht süchtig.

 

Erschienen in der BZ am 14. Januar 2014

Claude Chatelain