Wenn fast alle optimistisch sind, sollte man besonders vorsichtig sein

Erinnern Sie sich an den Jahreswechsel vor einem Jahr? Die Finanzwelt stand im Banne der amerikanischen Politik: «Fiskalklippe» wurde zum geflügelten Wort. Der zerstrittene US-Kongress erwies sich als reformunfähig. Der kranke Euro schien unheilbar, der Abbau der Schuldenberge unlösbar, und die globale Konjunktur schleppte sich mehr schlecht als recht dahin. Entsprechend zurückhaltend waren Anfang 2013 die Banken mit ihren Prognosen.

Kaum jemand wagte vorauszusagen, dass die Aktienkurse der Eurozone um 17 Prozent, jene der USA und der Schweiz um 25 und jene Japans gar um über 50 Prozent zulegen würden. Durchaus exemplarisch sind nun die Prognosen ein Jahr später, jene für 2014. Obschon die Aktien stärker stiegen als erwartet und obwohl sich die dunklen Wolken über dem Euro und den Schuldenbergen nicht verzogen haben, sind nun die Auguren für das angelaufene Jahr mehrheitlich positiv gestimmt. «Der Trend ist dein Freund», lautet eine Börsenregel. «Die Hausse nährt die Hausse», heisst eine andere.


Der Optimismus gründet auf zwei Annahmen: Die Marktteilnehmer gehen erstens davon aus, dass die US-Notenbank die Wirtschaft weiterhin mit viel Liquidität überfluten wird. Zweitens rechnen die Börsianer mit einem weltweit stärkeren Wirschaftswachstum und damit auch mit höheren Gewinnen der Unternehmen. Gemäss der zur Verfügung stehenden Wirtschaftsdaten spricht in der Tat einiges für Dividendenpapiere.

Die Genfer Banque Pictet beispielsweise sieht zwei realistische Szenarien: Gemäss dem ersten steigen die Aktienkurse im angelaufenen Jahr im Gleichschritt mit den Unternehmensgewinnen, also um 10 bis 14 Prozent. Gemäss dem zweiten Szenario könnten die Aktienkurse sogar noch stärker steigen, sodass wir laut Pictet eine «ausgeprägte Hausse» erleben würden.

Sehr gut möglich, dass die Genfer Bank mit ihrer Einschätzung recht behält. Doch häufig kommt es anders, als man denkt. Insbesondere die Tatsache, dass die Prognostiker fast einhellig das Hohelied auf die Aktie singen, mahnt zur Vorsicht. Denn häufig fährt man besser, gerade das Gegenteil dessen zu tun, was die grosse Mehrheit der Experten empfiehlt. Deshalb hätte man vor einem Jahr trotz oder eben wegen der grassierenden Ängste Aktien kaufen müssen. Denn wer jetzt noch auf den Aktienzug aufspringen will, zahlt im Schnitt um 20 bis 30 Prozent höhere Preise als vor einem Jahr. Und um für einmal nicht eine Börsenregel, sondern ein physikalisches Gesetz zu bemühen: Je höher man steigt, desto tiefer und schmerzhafter ist der Absturz.

Deshalb sollte man die Worte der «Finanz und Wirtschaft» zu Herzen nehmen, wie sie das Fachblatt kürzlich formulierte: «Je reifer der Konjunktur- und Börsenzyklus, desto höher klettert die Risikobereitschaft. Anleger blenden die Risiken immer mehr aus, je länger der Aufschwung dauert.»

Erschienen in der BZ am 3. Januar 2014

Claude Chatelain