"Meine Vorfahren waren gar keine sympathischen Zeitgenossen"

Für Daniel Lampart vom Gewerkschaftsbund sind Gesamtarbeitsverträge der Königsweg – und gesetzliche Mindestlöhne nur die zweite Wahl.
Für Daniel Lampart vom Gewerkschaftsbund sind Gesamtarbeitsverträge der Königsweg – und gesetzliche Mindestlöhne nur die zweite Wahl.

Daniel Lampart kämpft für einen gesetzlichen Mindestlohn. Noch lieber wären ihm Gesamtarbeitsverträge. Sorgen bereiten dem Chefökonomen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ausserdem der Beschäftigungsabbau in der Maschinenindustrie. Und doch könnte sich der 45-Jährige keine befriedigendere Arbeit vorstellen als jene beim SGB.

Herr Lampart, bei Ihrem Namen kommt mir spontan der Chelsea-Fussballer Frank Lampard in den Sinn. Haben Sie englische oder hat Lampard deutsche Wurzeln?

Daniel Lampart: Die Wurzeln von Frank Lampard kenne ich nicht. Ich selber habe ganz trübe Wurzeln. Der Name Lampart kommt von Lombarden. Sie kamen als Kleinkreditgeber im späten Mittelalter ins Land und gewährten den Leuten zu teilweise schlimmen Konditionen Kredit. Meine Vorfahren waren gar keine sympathischen Zeitgenossen.

Nun sind Sie Ökonom. Das ist nicht viel besser.

Wieso meinen Sie?

Der Ruf der Ökonomen hat doch wegen Fehlprognosen gelitten.

Das stelle ich nicht fest. Seriöse Ökonomen wissen, dass sie mit Menschen zu tun haben. Und Menschen haben zum Glück einen eigenen Willen und bewegen sich in einem lebendigen Umfeld. In diesem Umfeld versuchen wir, Analysen zu machen, zum Teil auch Prognosen.


Häufig zielen Ökonomen mit ihrer Einschätzung daneben.
Es gibt verschiedene Ökonomen. Solche, die alles schönreden. Und andere, die den Finger auf den wunden Punkt legen.

Zu welcher Kategorie zählen Sie sich?

Schon in der Forschungstätigkeit bei der KOF war ich immer bestrebt, nach bestem Wissen und Gewissen eine seriöse Analyse zu machen. Wobei ich mich auch schon furchtbar täuschte.

Zum Beispiel?

Die Auswirkungen der Finanzkrise auf die reale Wirtschaft hatte ich unterschätzt.

Falsch eingeschätzt hatten Sie auch die Auswirkungen des starken Frankens auf die Wirtschaft.
Wie kommen Sie darauf?

Daniel Lampart verdiente früher sein Geld mit Musik.
Daniel Lampart verdiente früher sein Geld mit Musik.

Sie hatten düstere Zeiten prophezeit, wenn der Eurokurs auf 1.20 Franken falle. Doch der Wirtschaft geht es blendend.

Blendend würde ich nicht sagen. Der Binnenmarkt hat von den tiefen Zinsen und der Zuwanderung profitiert. Der Bauwirtschaft geht es sehr gut und dem Detailhandel den Umständen entsprechend auch gut. Doch im Tourismus und in der Maschinenindustrie sinkt die Beschäftigung. Die Maschinenhersteller müssten die Löhne anheben können, sonst bekommen sie keine Fachkräfte. Scintilla will 330 Arbeitsstellen nach Ungarn verlegen. Das ist ein Schock für mich. Der Elektrowerkzeughersteller in Zuchwil ist ein Unternehmen mit regionaler Strahlkraft. Es versuchte, überdurchschnittliche Löhne zu zahlen.

Mit einer Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent hat die Schweiz nach wie vor Vollbeschäftigung.
Nein, das haben wir leider nicht. Das Bundesland Baden-Württemberg hat inzwischen eine tiefere Erwerbslosigkeit als die Schweiz. Das hat es noch nie gegeben.

Im Jahr nach der Fixierung des Wechselkurses auf 1.20 Franken schütteten Schweizer Firmen rekordhohe Dividenden aus.
Die meisten Schweizer Unternehmen sind nicht an der Börse kotiert. Viele mittelgrosse Firmen der Maschinenindustrie haben zum Teil ein oder zwei Produkte entwickelt und müssten nun die Entwicklungskosten über mehrere Jahre amortisieren. Wenn sie aber wegen des starken Frankens zu tiefe Margen kalkulieren müssen, dann fehlt das Geld für Investitionen und die Entwicklung neuer Produkte. Das sind schleichende Entwicklungen, die nicht so augenfällig sind und von den Medien nicht aufgegriffen werden. Seit 2009 gingen in der Maschinenindustrie 10 000 Stellen verloren.

Bundesrat und Parlament hatten vor zwei Jahren ein Hilfspaket geschnürt, auch zur Finanzierung von Kurzarbeit. Es wurde kaum in Anspruch genommen.
Die Schweiz hat sehr stark profitiert von den ausländischen Hilfspaketen. Eine Studie der KOF zeigt auf, dass sich die konjunkturstabilisierenden Pakete der umliegenden Länder auf die Schweizer Wirtschaft stärker auswirkten als das eigene Hilfspaket. Ich hatte meine Doktorarbeit über Konjunkturpolitik geschrieben. Daher war ich überrascht über die weltweite Bereitschaft, mit geld- und finanzpolitischen Mitteln die Konjunktur zu stabilisieren. Das hatte es vorher in diesem Ausmass noch nie gegeben. Die Entscheidungsträger hatten die Krise der 30er-Jahre im Kopf. Dank dieser Massnahmen ist nichts Schlimmeres passiert.

Profitiert hat die Schweizer Wirtschaft, Sie sagten es, auch von der Zuwanderung.
Das Bevölkerungswachstum führt zu einer steigenden Nachfrage nach Wohnraum, Esswaren und Kleidern. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist die Zuwanderung deshalb ein stabilisierender Faktor. Ganz anders war es in den 70er-Jahren, als die Schweiz die Saisonniers jeweils wieder heimschickte. Das führte zu einem Einbruch im Konsum. Die SBB schrieben damals im Geschäftsbericht, dass die Billettverkäufe wegen der tieferen Ausländerbeschäftigung stark gesunken seien.

 

"Wenn man eine kapitalistische Marktwirtschaft haben will, so muss die Wirtschaft wachsen."
"Wenn man eine kapitalistische Marktwirtschaft haben will, so muss die Wirtschaft wachsen."

Man sagt, die Schweiz brauche die Zuwanderung wegen des Wirtschaftswachstums. Kann eine Wirtschaft immer wachsen?
Wenn man eine kapitalistische Marktwirtschaft haben will, so muss die Wirtschaft wachsen. Das ist das Prinzip dieses Systems. Wenn man nicht will, dass das Bruttoinlandprodukt zunimmt, müsste man das Wirtschaftssystem ändern.

Ein System, dessen Erfolg trotz beschränktem Raum und begrenzter Ressourcen auf ewigem Wachstum beruht, ist doch zum Scheitern verurteilt.
Man kann wunderbar wirtschaftlich wachsen, ohne mehr Material zu verbrauchen. Wenn man ins Theater geht und vorher einen edlen Tropfen Rotwein kredenzt, statt mit dem Auto weit in ein Outlet-Geschäft zu fahren, so wirkt sich das aufs Wirtschaftswachstum ebenfalls positiv aus.

Auch über die Auswirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns, wie ihn die Gewerkschaften mit einer Volksinitiative fordern, gehen die Meinungen der Ökonomen auseinander.
Das stimmt. Schon als die Gewerkschaften vor über zehn Jahren die Kampagne «Keine Löhne unter 3000 Franken» starteten, warnte Aymo Brunetti vom Staatssekretariat für Wirtschaft vor schlimmen Auswirkungen für die Beschäftigung. Seit 1998 stieg der monatliche Mindestlohn im Gastgewerbe von 2350 auf 3683 Franken. Dabei ist die Arbeitslosigkeit im Gastgewerbe, gemessen an der gesamten Arbeitslosigkeit, sogar gesunken. Wer damals auf Panik machte, macht wieder auf Panik. Besser wäre es, aus der Vergangenheit zu lernen und die Auswirkungen der zum Teil substanziellen Mindestlohnerhöhungen zu analysieren.

Eigentlich haben Sie Ihr Ziel allein mit der Lancierung der Volksinitiative bereits erreicht: Die Mindestlöhne sind vielerorts gestiegen.
Es gibt tatsächlich einige Verbesserungen. Nehmen wir das Beispiel von Lidl, welches beweist, dass auch ein Discounter 4000 Franken pro Monat zahlen kann. Obschon wir von ihrem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) nicht begeistert sind. Die wichtigsten Gewerkschaften waren bei den Verhandlungen nicht beteiligt.

MEM, der Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, hat im Juni erstmals einen Mindestlohn im GAV verankert. Ohne Initiative hätte er das nie gemacht.
Das glaube ich nicht. Wir hatten sehr harte Auseinandersetzungen. Ich glaube, die MEM-Industrie wurde sich ihrer Verantwortung für die Exportwirtschaft bewusst. Sie hat realisiert, dass die Zustimmung der Bevölkerung zu den bilateralen Verträgen und zur Personenfreizügigkeit nur dann zu haben ist, wenn man den Stimmbürgern versichern kann, dass ihre Löhne geschützt sind.

 

Nach Ansicht von Daniel Lampart sind die Löhne der Coiffeusen immer noch zu tief.
Nach Ansicht von Daniel Lampart sind die Löhne der Coiffeusen immer noch zu tief.

Auch die Coiffeure haben ihren Mindestlohn nach oben korrigiert – wegen der Initiative.
Die Löhne der Coiffeusen sind leider immer noch zu tief. Wir kennen Coiffeure, welche Monatslöhne von 4000 Franken bezahlen. Wir hoffen für die Coiffeure, dass der Rest der Branche dies bald auch tun wird.

Sind Sie wirklich der Meinung, dass alle Coiffeure ihren Angestellten monatlich 4000 Franken bezahlen können?
Wenn alle Coiffeure einen guten Lohn bezahlen müssen, gibt es keinen unfairen Wettbewerb über schlechte Löhne mehr. Heute können faire Arbeitgeber unter Druck kommen. Deshalb braucht es einen allgemein verbindlichen Mindestlohn.

Die schlimmste Branche ist nach Ihrer Meinung der Detailhandel. Was machen Sie da konkret?
Das ist eine zähe Geschichte. Es gibt auch positive Beispiele wie Coop, welcher sich mit allen Gewerkschaften auf einen GAV geeinigt hat. Es gibt die Migros, welche leider nur mit zahmeren Gewerkschaften einen GAV vereinbarte, was keiner echten Sozialpartnerschaft entspricht. Wir haben aber leider die Kleider- und Schuhbranche, welche keinen GAV haben, abgesehen von einigen Regionen wie Genf oder Lausanne. Ich finde das schlimm. Die reichsten Leute in Europa sind Besitzer von Kleider- oder Schuhketten. Umgekehrt muss ein Drittel des Verkaufspersonals in Kleider- und Schuhgeschäften für weniger als 4000 Franken im Monat arbeiten.

Sie müssen nicht. Sie können bei Migros oder Coop anheuern.
Viele lieben ihren Beruf. Sie haben eine Lehre als Kleider- oder Schuhverkäuferin gemacht und wollen die Leute beraten. Doch wegen der schlechten Löhne sind viele von ihnen tatsächlich gezwungen, die Branche zu verlassen. Das starke Gefälle zwischen den Eignern und den Angestellten erinnert mich an Zeiten, die ich nur aus Geschichtsbüchern kenne. Auf der einen Seite der reiche Patron mit seiner protzigen Villa und auf der anderen Seite seine Arbeiter, die in miesen Unterkünften wohnen und sich irgendwie durchschlagen müssen.

Ist es nicht etwas vermessen, die heutigen Arbeitsbedingungen mit jenen von Mitte des 19. Jahrhunderts zu vergleichen?
Ich vergleiche nicht. Ich sage nur, es erinnert mich an diese Zeiten. Wir können nicht akzeptieren, dass Besitzer von Modeketten ein Milliardenvermögen anhäufen, während ihre Beschäftigten, falls sie zum Beispiel ein Kind haben, nicht mehr über die Runde kommen. Schauen Sie zum Beispiel, was Herr Brenninkmeijer von der C&A-Besitzerfamilie in Oberägeri für eine Villa aufstellt. Solche Gegensätze können wir in der Schweiz nicht tolerieren.

Sind Sie mit diesen Firmenbossen in Kontakt?
Wir haben das Gespräch für Gesamtarbeitsverträge gesucht. Überall hiess es njet. Der Präsident vom Schuhhändlerverband sagte sogar: Gesamtarbeitsverträge seien sozialistische DDR-Methoden. Wir haben in keiner dieser Firmen wie Ikea, Bata, Dosenbach-Ochsner, C & A, Mango oder Navyboot nur einen Ansatz von einer echten Gesprächsbereitschaft erkennen können.

 

Die Migros gilt als sozialer Arbeitgeber - und doch wird sie vom Gewerkschaftsbund kritisiert
Die Migros gilt als sozialer Arbeitgeber - und doch wird sie vom Gewerkschaftsbund kritisiert

Sie kritisieren die Migros, weil sie nicht mit Ihnen einen GAV abgeschlossen hat. Relevant sind doch die Arbeitsbedingungen und nicht die Frage, mit wem der GAV verhandelt wurde.
Es braucht zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Verhandlungen auf Augenhöhe. Gesamtarbeitsverträge garantieren, dass die Arbeitnehmenden ihre Interessen voll einbringen können, ohne persönliche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

Seien Sie ehrlich: Eigentlich wollen Sie keinen gesetzlichen Mindestlohn. Sie wollen flächendeckend Gesamtarbeitsverträge.
Gesamtarbeitsverträge sind der Königsweg. Das ist ganz klar. In unserer Initiative lautet die erste Forderung, dass Bund und Kantone Mindestlöhne in Gesamtarbeitsverträgen fördern müssen. Dieser Punkt wird in der Debatte leider etwas vernachlässigt.

Wie sollen Bund und Kantone GAV fördern können?
Man könnte Unternehmen, welche zum Teil der öffentlichen Hand gehören oder von ihr Aufträge erhalten, eine Verhandlungspflicht auferlegen. Der Bund könnte GAV einfacher allgemeinverbindlich erklären. Stattdessen legt er heute den Sozialpartnern Steine in den Weg, indem er sagt, dass 50 Prozent der betroffenen Firmen Mitglied der Sozialpartner sein müssen, damit der GAV allgemeinverbindlich erklärt werden kann. Das finden Sie in keinem anderen Land Europas.

Mit welchem Instrument könnte der Bundesrat den Schuhhändlerverband zwingen, mit Ihnen Verhandlungen aufzunehmen?
Das ist der springende Punkt: Wenn Arbeitgeberverbände Vertragsverhandlungen verweigern, braucht es andere Lösungen wie den gesetzlichen Mindestlohn. Es gibt auch Branchen, die keine Arbeitgeberverbände haben. Etwa Fitnesscenter, Kosmetikerinnen oder Raumpflegerinnen in Privathaushalten.

Bundesrat Alain Berset will mit diversen Massnahmen die Altersrenten sichern. Wie beurteilen Sie seine Erfolgschancen?
Die Revision der Altersvorsorge ist gegenwärtig vermutlich das anspruchsvollste politische Projekt. Bundesrat Berset hat das Reformpaket intelligent aufgegleist, indem er von der Rentenhöhe ausgeht. Das Problem ist aber, dass es zum Teil starke Rentensenkungen beinhaltet. Morgen Dienstag werden wir übrigens die Volksinitiative AHV-plus einreichen. Sie verlangt eine Erhöhung der AHV-Renten um 10 Prozent. Sie steht dann parallel zur «Altersvorsorge 2020» vom Bundesrat zur Diskussion.

 

Chefökonom beim SGB ist für Daniel Lampart ein Traumjob.
Chefökonom beim SGB ist für Daniel Lampart ein Traumjob.

Chefökonom beim Gewerkschaftsbund – ein Traumjob?
Ja.

Vorher waren Sie bei der Konjunkturforschungsstelle KOF.
Bei der KOF war es auch spannend. Einige meiner Kollegen arbeiten bei Banken. Aber ich möchte nicht tauschen. Ich darf für Menschen arbeiten, die nicht alle auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Und ich treffe Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Das ist eine enorme Bereicherung. Sowohl für die Arbeit als auch persönlich.

Studienkollegen von Ihnen arbeiten bei Banken. Sind das immer noch Ihre Kollegen?
Sicher. Einige davon sogar Freunde. Ich bin kein Bankengegner. Ich diskutiere mit ihnen, und selbstverständlich sind wir nicht immer gleicher Meinung.

Und für diesen Traumjob nehmen Sie das tägliche Pendeln von Zürich nach Bern in Kauf?
Das Pendeln hat auch Vorteile: Wenn mich meine Familie für 19.15 Uhr erwartet, so nehme ich den 18-Uhr-Zug. Das ist ein fixer Termin. Würde ich in Zürich arbeiten, so würde ich noch dieses und jenes erledigen und zu Hause Bescheid sagen, ich käme etwas später.

Wann wechseln Sie in die Bundesverwaltung?
Wie kommen Sie darauf?

Prominente Aushängeschilder des SGB wie Colette Nova und Serge Gaillard machen nun in der Bundesverwaltung Karriere.
Ein Wechsel steht nicht zur Diskussion. Meine Arbeit ist zwar nicht immer einfach. Aber ich liebe sie.

Ist es nicht ein Verschleissjob?
Es ist eine anstrengende, aber auch eine befriedigende Arbeit. Sie mögen das von aussen betrachtet unterschätzen. Ich werde nicht selten auf der Strasse von Unbekannten angesprochen. Sie bedanken sich bei mir und gehen von dannen. Das berührt mich. Ich wüsste nicht, in welcher anderen Arbeit mir derart viel zurückgegeben würde.

Sie sind Mitglied der Grünen. Sind Sie ein grüner Roter oder ein roter Grüner?
Meine Parteizugehörigkeit stammt aus einer Zeit, bevor ich hier die Stelle beim Gewerkschaftsbund angetreten habe. Wir sind beim SGB parteiunabhängig.

Und als Privatperson?
Ich hatte schon immer einen Bezug zu Gewerkschaften, und ich war schon vorher Mitglied einer Gewerkschaft.

Also sind Sie ein grüner Roter.
Wie Sie wollen.

 

 

IM GESPRÄCH

So stellt man sich das Büro eines Gewerkschaftsökonomen vor: schlicht, einfach und für einen Chef eher klein bemessen: keine USM-Möbel, keine Designersessel, keine Nespresso- Maschine. Dafür viele Bücher und nicht unbedingt die perfekte Ordnung. Doch etwas Schmuckes gibt es in Daniel Lamparts Büro trotzdem, wenn auch verschlossen im Wandschrank: eine elektrische Gitarre der Marke Höfner.

Im Gewerkschaftsgebäude an der Monbijoustrasse 61 in Bern, das böse Zungen auch etwa Kreml nennen, dreht sich das Gespräch nicht nur um Ökonomie und Politik, sondern auch um Musik. Denn der in Luzern aufgewachsene Lampart verdiente früher sein Geld als Kontrabassist in klassischen Orchestern. Nun ist der 45-Jährige wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, wie er sagt, und spielt Gitarre. Zwar nicht in einer Band, aber manchmal ganz allein im Büro, bevor er zum Beispiel späte Termine hat. Eigentlich möchte er das nicht in der Zeitung lesen, willigt dann aber trotzdem ein. «Wenn ich in all den Jahren zehnmal die Gitarre hervornahm, so ist das viel», sagt er noch beim Abschied. Mehr Zeit nimmt er sich fürs Singen. Er nimmt Stunden bei einer Gesangslehrerin. Was er als Bariton so übe, konnte leider mangels Zeit nicht auch noch besprochen werden.

Und als der Journalist im Gespräch offenbarte, in jungen Jahren mit seinem «Beatles -Bass» und bescheidenem Talent Stunden genommen zu haben und es bis heute bereue, nicht auf Kontrabass gesetzt zu haben, kam der Gewerkschafter erst recht in Fahrt: «Kaufen Sie einen Kontrabass. Nehmen Sie Stunden. Es ist nie zu spät».

 

Erschienen in der BZ am 16. Dezember 2013

Claude Chatelain