Die Mehrheit der Schweizer will nichts wissen von einem höheren Rentenalter

Claude Longchamp
Claude Longchamp

Die meisten Stimmberechtigten sind der Meinung, dass die Altersvorsorge gut funktioniert. Sie gehen davon aus, dass sich ihre Pläne nach der Pensionierung erfüllen lassen. Das geht aus dem erstmals publizierten Altersvorsorgemonitor hervor.

Was halten Schweizerinnen und Schweizer von der Altersvorsorge, und wie sehen sie deren Zukunft? Diese Fragen beantwortet der gestern publizierte Altersvorsorgemonitor 2013 des Forschungsinstituts GFS Bern. Folgende Lösungsansätze haben die Stimmberechtigten in drei Umfragen am häufigsten genannt:

 

  • In Zukunft soll man in der zweiten Säule früher mit Sparen beginnen, zum Beispiel bereits mit 20 statt erst mit 25 wie heute (70 Prozent).
  • Die Wirtschaft soll Anreize schaffen, damit Arbeitstätige auch nach der Pensionierung weiter arbeitstätig sein wollen (68 Prozent).
  • In Zukunft sollen Männer und Frauen im gleichen Alter pensioniert werden (68 Prozent).
  • Der Staat soll Anreize schaffen, damit Arbeitstätige auch nach der Pensionierung weiter arbeitstätig sein wollen (64 Prozent).

 

Die persönlichen, sogenannten Face-to-Face-Befragungen fanden im Juni der Jahre 2011 bis 2013 statt. Je 1200 Personen wurden befragt. Gestern wurde der Altersvorsorgemonitor 2013 zum ersten Mal präsentiert. Institutsleiter Claude Longchamp stellt in der Bevölkerung eine Aufbruchstimmung fest. «Fundamentalopposition gegen jegliche Änderung nimmt ab», sagte er gestern an einer Medienkonferenz in Bern. Die Stimmberechtigten seien gegenüber einer umfassenden Reformierung der ersten und zweiten Säule positiv eingestellt. Das in der Vernehmlassung befindliche Reformpaket «Altersvorsorge 2020» von SP-Bundesrat Alain Berset setze aus der Sicht der Stimmberechtigten die richtigen Akzente, erklärte Longchamp.

 

Ausländer als Retter?

Folgende, in der öffentlichen Diskussion genannte Lösungen finden dagegen wenig Anklang und hätten laut Studienleiter Urs Bieri aktuell keine Chancen, wenn sie isoliert vors Volk kämen:

 

  • In Zukunft soll die gesamte Altersvorsorge nur noch vom Staat angeboten werden (37 Prozent).
  • In Zukunft muss das Rentenalter erhöht werden (34 Prozent).
  • Zur Sicherung der Altersvorsorge müssen die Renten der zweiten Säule (BVG) gesenkt werden (29 Prozent).
  • Zur Sicherung der Altersvorsorge müssen wir mehr ausländische Arbeitnehmer ins Land lassen (27 Prozent).

 

Wie der Politikwissenschafter Urs Bieri jedoch erklärt, nahm die Akzeptanz der umstrittenen Lösungen im Vergleich zum Vorjahr zu. Beispiel: Im Juni 2012 bezeichneten nur 24 Prozent die Erhöhung des Rentenalters als eine gute Idee. Im Juni 2013 waren es bereits 34 Prozent.

Geringes Problembewusstsein

Während die Altersvorsorge in der politischen Agenda ganz weit oben steht, geniessen die Zukunftsaussichten der AHV und der sozialen Sicherheit bei der Bevölkerung nicht oder noch nicht denselben Stellenwert. «Der Problemdruck ist nicht hoch», meint Urs Bieri. Eine grosse Mehrheit findet, dass das Rentensystem gut funktioniere. Sie glaube, dass sich ihre Pläne nach der Pensionierung realisieren liessen. Nur eine Minderheit befürchtet, die steigende Lebenserwartung liesse sich nicht finanzieren. Oder anders gesagt: Die Sorge um die eigene zukünftige Rente steht stärker im Vordergrund als die Diskussion um die Finanzierung des Gesamtsystems. Das Forschungsinstitut GFS Bern erstellt den Altersvorsorgemonitor im Auftrag des Schweizerischen Versicherungsverbands. Der SVV hat sich für diese Erhebung entschieden, nachdem das Schweizer Volk am 7. März 2010 eine Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge mit grossem Mehr abgelehnt hatte.

 

Erschienen in der BZ am 12. Dezember 2013

Claude Chatelain