Die Mode-Milliardäre zahlen die tiefsten Löhne

Die Gewerkschaften beklagen die Lohnsituation im Detailhandel, zumal die Besitzer sehr wohl in der Lage wären, mehr zu bezahlen.

Paul Rechsteiner
Paul Rechsteiner

Um ihrem Anliegen Nachhall zu verschaffen, lassen die Gewerkschaften häufig ihre «Opfer» an Medienkonferenzen auftreten. So auch gestern, als der Schweizerische Gewerkschaftsbund die tiefen Löhne im Detailhandel anprangerte. Die 23-jährige Tamara H. aus der Zentralschweiz erzählte, dass sie eine dreijährige Ausbildung als Detailhandelsfachfrau absolviert habe und über zusätzliche drei Berufsjahre verfüge. Sie sei stellvertretende Filialleiterin und verdiene netto 3385 Franken pro Monat. Einen 13. Monatslohn gebe es nicht.

Unter 22 Franken pro Stunde

Der Zeitpunkt dieses Auftritts ist nicht zufällig gewählt. Am heutigen Mittwoch startet der Nationalrat die Debatte zur Mindestlohninitiative. Sie verlangt einen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde, was einem Monatslohn von 4000 Franken entspricht. Da wollte Gewerkschaftspräsident Paul Rechsteiner insbesondere die Situation im Detailhandel darlegen, wo der Handlungsbedarf am grössten sei. Dies nicht zuletzt auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges. Er beschäftigt rund 320'000 Personen, was 7,7 Prozent aller Arbeitsstellen in der Schweiz ausmacht. «Fast 50'000 Beschäftigte im Detailhandel verdienen weniger als 22 Franken pro Stunde», sagte SP-Ständerat Rechsteiner. Mehr als die Hälfte dieser Beschäftigten im Detailhandel verfügten über eine Berufslehre. «Wo leben wir denn», so der Sankt Galler Ständerat, «wenn qualifizierte Berufsleute mit Lehre und Berufserfahrung mit ihrer Arbeit nicht mehr genug verdienen, um davon anständig leben zu können?» Gewerkschaftsökonom Daniel Lampart stört sich daran, dass die Detailhändler nach seiner Einschätzung sehr wohl in der Lage wären, bessere Löhne zu zahlen. Er verwies auf die Besitzer grosser Ketten im Kleider- und Schuhhandel. «Diese sind oft Milliardäre.» Lampart denkt etwa an Bata, Dosenbach-Ochsner, C & A, H & M, Mango oder Navyboot. Ausserdem erlebte der Detailhandel in den letzten zwanzig Jahren einen Produktivitätsschub. «Ein Teil der Produktivitätsgewinne wurde über tiefere Preise an die Konsumentinnen weitergegeben», bemerkte Daniel Lampart.

Schlechte Sozialpartner

Den Gewerkschafter stört überdies die mangelnde Sozialpartnerschaft: «Sieht man von den Grossverteilern Coop und Migros ab, gibt es nur wenige Gesamtarbeitsverträge und erst recht nur wenige mit Substanz», beklagte sich Rechsteiner. Als «Antisozialpartner nannte er den Schuhändlerverband, die Swiss Retail Federation und einzelne Arbeitgeber wie Vögele Shoes, Ikea oder Zara. Schliesslich sei hier vermerkt, dass die deutsche Billigkette Lidl entgegen der gestern publizierten Übersicht einen Mindestlohn von 4333 Franken bezahlt, wenn man den 13. Monatslohn mitberechnet. Das ist deutlich mehr als beispielsweise bei Alja Nouveau. Der nach eigenen Angaben grösste Anbieter von Stoffen und Mercerie soll pro Stunde bloss 17.45 Franken bezahlen, wie gestern gesagt wurde. Und in einem den Gewerkschaftern bekannten Denner-Satelliten soll eine Mitarbeiterin in der Stunde lediglich 16.73 Franken verdienen.

 

Erschienen in der BZ am 27. November 2013

Claude Chatelain