Vierte Säule: So erklären Technokraten das Loch in der AHV

Im Jahr 1970 kamen auf einen Rentner 4,6 Arbeitnehmer. Heute sind es 3,6 Berufstätige, und 2035 sollen es gar nur 2,3 Arbeitnehmer sein. Mit solchen Zahlen soll dem unbedarften Bürger verständlich gemacht werden, dass die AHV vor grossen Problemen stehe, kaum mehr finanzierbar sei und der Generationenkonflikt damit programmiert sei.

Ich halte nichts von diesem Vergleich. Und ich bin mir auch nicht  im Klaren darüber, was er bezweckt. Sicher ist, dass er Ängste schürt. Das ist gut für Vorsorgeberater, die  mit Angstmacherei leichter Vorsorgeprodukte verkaufen können. 

Ich habe noch nie gelesen, wie viele Berufstätige es dafür braucht, die Landwirtschaft zu finanzieren. Oder das Militär. Oder die chronisch steigenden Ergänzungsleistungen. Oder die gesamte Bundesverwaltung, die täglich einen Stoss von Papier produziert, dass einem fast  «gschmuech» wird. (Wer es nicht glaubt, soll  den Newsdienst der Verwaltung abonnieren.)

Klar: Man wird mir erklären, dass die AHV im Umlageverfahren finanziert wird. Das heisst, dass die Renten  unserer Senioren  mit Lohnabzügen und den Beiträgen der Arbeitgeber  finanziert werden. Hingegen die Ausgaben für Landwirtschaft, Militär, Ergänzungsleistungen und Bundespersonal werden mit allgemeinen Steuermitteln bezahlt.

Das ist eine technokratische Erklärung. Doch volkswirtschaftlich ist es sekundär, ob mir das Geld für öffentliche Aufgaben mit Lohnabzügen oder Steuern genommen wird. Beides schmälert das verfügbare Einkommen. Zudem wird die AHV nicht allein mit Lohnabzügen finanziert: Über 26 Prozent der Mittel stammen aus Beiträgen der öffentlichen Hand. 

Wir leben länger, wir wollen keine Renten kürzen, und auf den Finanzmärkten ist derzeit kaum Geld zu verdienen. Das sagt  eigentlich schon alles: Der AHV-Fonds braucht Geld.

Nichtssagend ist dagegen die Rechnung der Statistiker, wie viele Berufstätige auf einen Rentner fallen. Oder wie es Kollege Jürg Steiner kürzlich  in dieser Zeitung formulierte:  «Würden wir die Welt, in der wir leben, noch verstehen ohne Statistiker?»

 

Erschienen in der BZ am 26. November 2013


   

Claude Chatelain