Vierte Säule: Über das Recherchieren bei Versicherungen

Vertrauen von Providentia - auch dank Hans Voser.
Vertrauen von Providentia - auch dank Hans Voser.

Wie sehne ich mich doch zurück nach der guten alten Zeit, als ich mit Hans Voser zu tun hatte. Die wenigsten von Ihnen kennen den Mann. Der inzwischen pensionierte Versicherungsfachmann stand lange Jahre in den Diensten von Providentia in Nyon, heute Mobilife. Er durchlief fast alle Stellen, die man in einer Versicherungsgesellschaft durchlaufen kann. Hatte ich eine Frage zu Prämienbefreiung, Prämienfreistellung, Rückgewähr, Rückkaufswert, technischem Zins oder sonst einem komplexen Begriff der Versicherungswirtschaft, so konnte mir Hans Voser kompetent die Zusammenhänge erklären. Ebenso kompetent war er, wenn er sich zu Geschäftspolitik und Strategie der Providentia zitieren liess.

Seit sich jedoch selbst mittelgrosse Firmen ganze Kommunikationsbrigaden leisten, benötigt man beim Recherchieren starke Nerven. Journalisten haben nicht mehr mit Fachleuten zu tun, sondern mit sogenannten Kommunikationsexperten. Sie nehmen die Frage entgegen, klären sie ab und geben eine Antwort. Dann hat man vielleicht eine Zusatzfrage oder ein Verständnisproblem, und der Sprecher macht sich hausintern erneut auf die Socken, um auf die noch offenen Fragen eine Antwort zu finden. Die Sprecherin eines Versicherers will die Fragen immer schriftlich haben. Ich kann das verstehen. Weil das Versicherungsgeschäft kompliziert und mit viel Fachchinesisch durchsetzt ist, versteht die Ärmste die Frage nicht. Hat sie das Anliegen schriftlich vor sich, kann sie im Betrieb hausieren und abklären, wer sich berufen fühlt, dazu etwas sagen zu können.


Unerträglich wird es aber dann, wenn der oberste Kommunikationschef, der sich häufig nicht mit Journalisten abgibt, findet, aus geschäftspolitischen Gründen wolle man die Frage nicht beantworten. Dann wird der Sprecher eine Wischiwaschi-Antwort mit Allgemeinplätzen formulieren und mit Werbebotschaften verpacken. Gewiss, es gibt Ausnahmen, bei welchen die «Kommunikatiönler» nicht nur etwas von Versicherungen verstehen, sondern gerne den Kontakt mit Fachleuten herstellen: Basler, Helvetia, Swiss Life.

 

Erschienen in der BZ am 19. November 2013

Claude Chatelain