Vierte Säule: Über die überflüssigste Versicherung

Heute widmen wir uns der Spitalkostenzusatzversicherung «Allgemeine Abteilung ganze Schweiz». Sie war auch an der Krankenkassen-Hotline dieser Zeitung von vergangener Woche ein Thema. Überhaupt ist diese spezielle Zusatzversicherung bei jeder Krankenkassen-Hotline ein Thema.

Bis vor zwei Jahren waren ausserkantonale Spitalbehandlungen durch die obligatorische Grundversicherung nicht gedeckt. Und doch konnten wir an den Hotlines in neun von zehn Fällen sagen: «Allgemeine Abteilung ganze Schweiz? Vergessen Sie es: Brauchen Sie nicht.» Wenn nämlich eine bestimmte Operation im Wohnkanton nicht durchgeführt werden konnte, waren auch Behandlungen in ausserkantonalen Spitälern versichert.


Die Krankenkassen hatten keine Freude an diesem Ratschlag. Der frühere Finanzchef einer Krankenkasse sagte mir einst: «Die Zusatzversicherung ‹Allgemeine Abteilung ganze Schweiz› ist unsere Milchkuh.» Angesichts der tiefen Prämien mag das erstaunen. Doch die Prämien sind deshalb so tief, weil kaum jemand diesen Versicherungsschutz in Anspruch nimmt. Salopp kann man diese Versicherung folgendermassen umschreiben: «Jeder hat sie; keiner braucht sie.»

Nachdem die neue Spitalfinanzierung 2012 in Kraft getreten war, ist dieser Versicherungsschutz erst recht obsolet geworden: Die Grundversicherung und der Wohnkanton bezahlen seither Spitalbehandlungen in der ganzen Schweiz. Doch die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn dieser Grundsatz keinen Haken hätte: Die Behandlungen werden nur bis zur Höhe der Kosten im Wohnsitzkanton des Versicherten entschädigt.

Demnach braucht man diese Versicherung höchstens dann, wenn man sich in einem teureren Kanton behandeln lässt. Nun hätten Sie, liebe Leser, gerne eine Rangfolge der teuersten Kantone. Diese zu finden, ist komplizierter, als Gott erlaubt. Nur so viel kann ich verraten. Bern gehört zu den allerteuersten Kantonen. Und wer sich nicht in Genf behandeln lassen will, braucht diese Versicherung definitiv nicht.

 

Erschienen in der BZ am 12. Oktober 2013

Claude Chatelain