Widmer-Schlumpf warf den Funken ins Pulverfass

Eveline Widmer-Schlumpf denkt laut darüber nach, die Kapitalanforderungen für Grossbanken zu erhöhen.
Eveline Widmer-Schlumpf denkt laut darüber nach, die Kapitalanforderungen für Grossbanken zu erhöhen.

UBS und CS sind im internationalen Vergleich punkto Kapitalausstattung ins Hintertreffen geraten. Anleger befürchten nun, dass den Banken strengere Auflagen gemacht werden. Das könnte einen längeren Verzicht auf Dividenden zur Folge haben.

Mit dem Grossbankengesetz «Too big to fail» wollten Bundesrat und Parlament international ein Zeichen setzen. Sie wollten für die Schweizer Grossbanken überdurchschnittliche Anforderungen an die Eigenmittel stellen. UBS und Credit Suisse sollten Musterknaben sein. Das lässt sich auch damit begründen, dass die Bilanzsummen der beiden Grossbanken im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt extrem hoch sind. Das vor zwei Jahren im Eilzugstempo gezimmerte Gesetz verlangt deshalb eine Eigenmittelquote von 19 Prozent. Bis 2018 muss diese Quote erreicht sein. Diese hohe Hürde war nicht unumstritten: «Die Anforderungen an das Eigenkapital dürfen nicht wesentlich höher sein als auf den internationalen Konkurrenzplätzen», sagte SVP-Stratege Christoph Blocher in einem Interview (Ausgabe vom 2. Mai 2011).

Keine Musterknaben

Zwei Jahre nach Abschluss der Ratsdebatten zu «Too big to fail» reibt man sich die Augen: Obschon die beiden Grossbanken bei der Erfüllung der angeblich strengen Vorgaben auf Kurs sind, liegen sie im internationalen Vergleich zurück, wie eine kürzlich erschienene Studie des britischen Finanzunternehmens Barclays zeigt. Die beiden Grossbanken sind alles andere als Musterknaben. Und plötzlich spricht keiner mehr von den ominösen 19 Prozent, sondern von 4, 6 oder 10 Prozent.

Bei den besagten 19 Prozent handelt es sich um eine gewichtete Quote. Massgebend ist bei deren Berechnung nicht die Bilanzsumme, sondern die risikogewichteten Aktiven. Je risikoreicher der Aktivposten, desto mehr Eigenkapital muss unterlegt werden. Mit dieser Strategie sollen die Grossbanken dazu gedrängt werden, die riskanten Geschäfte herunterzufahren oder darauf zu verzichten. UBS und CS sind drauf und dran, dies umzusetzen. Doch auf dem internationalen Bankenparkett spricht man kaum von der risikogewichteten Kapitalquote, sondern von der ungewichteten, der so genannten Leverage Ratio. Es ist dies das Verhältnis des Eigenkapitals zur Bilanzsumme, ohne dass das Kapital nach Risikoklassen gewichtet wird.

Höhere Leverage Ratio

Diese ungewichtete Quote war zwar schon immer Gegenstand der Grossbankenregulierung, nur interessierte sich in der Debatte niemand dafür. Das änderte sich spätestens übers Wochenende, als die Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf an einem BDP-Anlass im Gespräch mit einem Journalisten sagte, man müsse darüber nachdenken, ob die geforderte Leverage Ratio von unter 5 Prozent nicht auf 6 oder gar auf 10 Prozent erhöht werden sollte.

CS verliert 7,5 Prozent

Laut NZZ müssten die beiden Banken bei diesen Vorgaben zusätzliches Kapital von 30 Milliarden Franken bereitstellen. Dann könnten sie für längere Zeit keine oder nur geringe Dividenden ausschütten. Dies war der Grund, weshalb die UBS-Aktie an zwei Handelstagen um 5,3 und die CS-Aktie um 7,5 Prozent in die Tiefe sackte. Ob das laute Denken der Finanzministerin zielführend ist, bleibt zweifelhaft. Vorgesehen ist, dass der Bundesrat erst 2015 einen Bericht verfasst und Bilanz zieht. Eveline Widmer-Schlumpf ist übrigens nicht die erste, die diese mangelnde Kapitalisierung öffentlich thematisiert. Schon im Juni vergangenen Jahres rügte die Schweizerische Nationalbank (SNB) die beiden Grossbanken, dass sie nicht genügend Eigenkapital aufwiesen. Schon damals stützte sich die SNB auf die Kapitalausstattung anderer internationaler Grossbanken. Der Vergleich zeige, «dass sich beide Schweizer Grossbanken – und im Speziellen die Credit Suisse – im internationalen Vergleich unterhalb des Durchschnitts befinden», so die SNB wörtlich. In der Folge stürzten die CS-Aktien um über 10 Prozent in den Keller.

Der Funke im Pulverfass

Die Äusserung von Widmer-Schlumpf dürfte kaum der einzige Grund sein für den Kurssturz der Grossbank-Aktien, zumal das Gesagte nicht neu ist. Ihre Gedanken waren eher der Funke im Pulverfass. Immer wieder drohen neue Rechtsstreitigkeiten aus den USA; die beiden Institute müssen wiederholt Rückstellungen bilden. Die Zukunft von UBS und CS ist von grossen Unsicherheiten geprägt. Und Unsicherheiten hasst der Aktionär wie der Teufel das Weihwasser.

 

Erschienen in der BZ am 6. November 2013

Claude Chatelain