Vierte Säule: Das Tabu in der Rentnerdiskussion

Meine Eltern sind beide im Pflegeheim gestorben. Ich bin dem lieben Gott, Allah, Thanatos, Zeus oder wem auch immer unendlich dankbar, dass meine Mutter und mein Vater nur wenige Tage im Pflegeheim verbringen mussten.

Anderen ist ein würdiger Abgang nicht vergönnt. Ein Freund erzählte mir kürzlich, dass seine Gotte aus der Normandie, bei welcher wir in unseren Jugendjahren mal die Ferien verbracht hatten,  nun endlich gehen konnte. Die letzten 18 Jahre hatte sie im Rollstuhl verbracht. Sie hatte  nach einem Autounfall das Bewusstsein verloren. Als mein Freund sie besucht hatte, hatte sie ihn nicht wiedererkannt. Und erst gestern berichtete mir eine Bekannte von einer Frau, deren Körper vom Krebs befallen war. Sie wollte ihr Leben mit Exit beenden. Unglaublich, welchen Aufwand sie  und ihre Angehörigen betreiben mussten, damit ihrem Wunsch gesetzeskonform entsprochen werden konnte.

Ich erzähle das vor dem Hintergrund der Debatte um unsere Sozialwerke: Dem AHV-Fonds geht das Geld aus; Pensionskassen befinden sich in Unterdeckung oder haben sonst düstere Aussichten; die Ergänzungsleistungen nehmen trotz  guter Konjunktur zu,  und die Krankenkassenprämien steigen von Jahr zu Jahr stärker  als die Teuerung.

Vorletzte Woche machte sich der Gewerbeverband für ein höheres Rentenalter stark. Er sagte, anders  liessen sich die Sozialwerke angesichts der notorisch steigenden Lebenserwartung nicht finanzieren. Der Bundesrat will dagegen AHV und berufliche Vorsorge mit der Mehrwertsteuer und höheren Lohnabzügen sanieren. 

Womöglich wird das Problem so oder so entschärft. Dazu müsste aber die Frage erlaubt sein, ob es wirklich der Würde des Menschen entspricht, sein Leben auf Teufel komm raus zu verlängern. Irgendwann wird diese Frage salonfähig. Ich befürchte aber, dass diese Debatte dann nicht aus ethischen Überlegungen angestossen wird, sondern aus finanziellen. Das ist das wirklich Unwürdige.

Erschienen in der BZ am 5. November 2013

Claude Chatelain