Selbstmordanschlag am tunesischen Strand

Mahnmal am Strand von Sousse, wo sich ein Selbstmordattentäter  in die Luft sprengte.
Mahnmal am Strand von Sousse, wo sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte.

Extremistische Islamisten haben es in Tunesien auf Touristen abgesehen. Noch ist aber kein Urlauber zu Schaden gekommen.

«Aufgrund regionaler Ereignisse hat die Gefahr von Anschlägen auf Ausländer zugenommen.» Mit diesen Worten warnt das Departement für auswärtige Angelegenheiten seit mehreren Monaten vor Reisen nach Tunesien. Anfang Oktober sorgte diese Warnung für Kopfschütteln: «Nicht ein einziger Tourist hat wegen der Revolution Schaden genommen», meinte ein Hotelier aus Sousse gegenüber dieser Zeitung (Ausgabe vom 21.Oktober 2013).

Körperteile über dem Sand

Diese Aussage des Hoteliers  ist auch heute noch gültig – und doch erscheint die Warnung des EDA in einem neuen Licht: Am Mittwoch hat ausgerechnet in Sousse, der drittgrössten Stadt Tunesiens, ein Selbstmordattentäter auf sich aufmerksam gemacht. Der Mann wollte ins Hotel Riadh Palms  eindringen, wo er von zwei Sicherheitskräften verjagt wurde. Gemäss der französischsprachigen Tageszeitung «La Presse de Tunisie» ging der Mann darauf in die Knie und zündete den Sprengstoffgürtel. «Man sah unzählige Körperteile über den Sand fliegen», wird ein Wachmann in der Zeitung zitiert. Dritte kamen nicht zu Schaden. Am selben Tag konnte in Monastir in der Nähe des Mausoleums von Staatsgründer Habib Bourguiba, 20 Kilometer südöstlich von Sousse, ein weiterer Selbstmordanschlag vereitelt werden. Beide Täter sollen den Salafisten angehören, einer Gruppe ultrakonservativer Sunniten. 

In Sousse wimmelt es seither von Sicherheitskräften, bestätigt ein Augenzeuge. Am Strand von Sousse bauten Unbekannte mit Sand eine riesige Hand und schrieben «Stop Terrorism». Laut tunesischen Medienberichten sind  ausländische Gäste gesehen worden, die sofort ihre Koffer packten.

Erholung ohne Schweizer

Der Tourismus in Tunesien erholt sich langsam von den Unruhen der vergangenen Jahre. «Wir sind schon bald wieder auf dem Niveau von 2010, dem Jahr vor der Revolution», erklärte dieser Zeitung Farouk Ghannouchi, der Direktor des Hoteliervereins in Sousse. Doch die Erholung findet praktisch ohne Schweizer Beteiligung statt. Neben Engländern und Deutschen sind es vor allem Gäste aus Russland und anderen Oststaaten, die in grosser Zahl an die tunesische Küste reisen. Sollten sich die Vorkommnisse vom Mittwoch wiederholen, dürften Schweizerinnen und Schweizer auch in den kommenden Jahren andere Strände aufsuchen.

Die wirtschaftliche Krise begann am 17.Dezember 2010, als ein tunesischer Gemüsehändler mit seiner Selbstverbrennung den Funken zündete, der die arabische Revolution entfachte. Knapp einen Monat später musste der langjährige Machthaber Zine al-Abidine Ben Ali  nach Saudiarabien fliehen. Seither wird das Land wiederholt von Anschlägen auf Oppositionspolitiker durch militante Islamisten erschüttert. Nicht wenige Tunesier, die in der Hotellerie ihr Geld verdienen, wünschen sich eine starke Hand wie jene Ben Alis zurück. Doch Selbstmordattentate gab es in der jüngeren Geschichte bis anhin keine. Das letzte Selbstmordattentat auf tunesischem Boden ereignete sich im  April 2002. Damals sprengte sich ein Attentäter vor der  Synagoge auf Djerba in die Luft und riss 21 Menschen in den Tod.

 

Erschienen in der BZ am 1. November 2013

Claude Chatelain