Vierte Säule: Wie Tauben die Bären füttern

Janet Yellen, die Obertaube im Offenmarktausschuss.
Janet Yellen, die Obertaube im Offenmarktausschuss.

Wer sich in der Tierwelt auskennt, wird mir kaum zustimmen, wenn ich behaupte,  dass die Tauben im grossen Stil die Bullen füttern. Und doch halte ich an dieser Behauptung fest. Freilich unter der Einschränkung,  dass  dies weder im zoologischen Garten noch in der freien Wildbahn beobachtet werden kann. Zu beobachten ist dieses Phänomen dagegen an der Wallstreet.

Börsianer mimen gerne Exemplare der Tierwelt. Sie bezeichnen sich als Bulle oder als Bär, je nachdem, ob sie an steigende oder sinkende Aktienkurse glauben.  Doch gegenwärtig sprechen die Finanzmarktakteure  vielmehr von Falken und Tauben. Die beiden Vogelarten  findet man im  zwölfköpfigen Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank, der für die Geldpolitik zuständig ist. Die Falken sind die Hardliner. Für sie hat die Bekämpfung der Inflation höchste Priorität.  Sie finden keinen Gefallen daran, wie derzeit mit der Notenpresse Konjunkturpolitik betrieben wird.

Die Tauben verfolgen dagegen  eine laxe Geldpolitik und drucken Geldnoten en masse. Sie nehmen eine Inflation von ein paar Prozentpunkten in Kauf, wenn sich dadurch die Arbeitslosigkeit bekämpfen lässt.

Die Tauben sind  im Offenmarktausschuss unter dem abtretenden Notenbankchef Ben Bernanke in der Überzahl. Daran wird sich nichts ändern, denn seine Nachfolgerin Janet Yellen gilt als Vertreterin einer noch laxeren Geldpolitik als Ben Bernanke. Sie ist so etwas wie eine Obertaube. Mit ihrer Nomination hat Washington  ein deutliches Zeichen gesetzt: Die Politik der tiefen Zinsen dürfte anhalten. Die Bullen haben die Message verstanden:  Am Tag nach der Nominierung Janet Yellens stieg der Dow Jones so stark wie seit zwei Jahren nicht mehr. Das zusätzliche Geld im Kreislauf beflügelt die Aktienkurse.

Je mehr die Bullen von den Tauben mit billigem Geld gefüttert werden, desto stärker steigen die Aktienkurse.  Das heisst gleichzeitig, dass  die auf tiefere Kurse wartenden Bären immer hungriger werden. Mit Bären, die Kohldampf haben, ist nicht zu spassen.

 

Erschienen in der BZ am 22. Oktober 2013

 

Claude Chatelain