In Tunesien fehlen nur die Schweizer

Sousse ist bekannt für ihre Strände, wo derzeit kaum Schweizer zu sehen sind. Ausblick vom Mövenpick auf Gartenanlage und Strand.
Sousse ist bekannt für ihre Strände, wo derzeit kaum Schweizer zu sehen sind. Ausblick vom Mövenpick auf Gartenanlage und Strand.

Der Tourismus im Maghrebstaat erholt sich langsam von der Revolution. Dies freilich ohne Beitrag der Schweizer. Auf Spurensuche in der Feriendestination Sousse.

Am 14. Januar 2011 stürzte der Tourismus in Tunesien in eine schwere Krise. Es war der Tag, an dem der langjährige Machthaber Zine al-Abidine Ben Ali buchstäblich in die Wüste, nach Saudiarabien, verjagt wurde. Es gab Unruhen. Man wusste nicht, welchen Lauf die Geschehnisse nehmen werden. Die Hotels blieben leer. Doch im folgenden Jahr, 2012, und insbesondere im zu Ende gehenden 2013 stieg die Zahl der Übernachtungen. «Wir sind schon bald wieder auf dem Niveau von 2010, dem Jahr vor der Revolution», konstatiert Farouk Ghannouchi, der Direktor des regionalen Hoteliervereins in Sousse, der mit Rached Ghannouchi, dem Chef der regierenden islamistischen Ennahda-Partei, nicht verwandt ist. Doch die Erholung findet ohne Schweizer Beteiligung statt. Hammamet, 85 Kilometer nördlich von Sousse gelegen, macht eine ähnliche Entwicklung durch.

Keine «Chuchichäschtli»

In den 80er- und 90er-Jahren stellten die Schweizer in der Feriendestination Sousse nach den Franzosen, Engländern, Deutschen und allenfalls Holländern die viert- oder fünftstärkste Gästegruppe. Heute liegt die Schweiz auf Rang 24. Insbesondere im Oktober, wenn Tunesien-Reisende ihre Koffer packten, flogen die Schweizer in Scharen an die tunesische Küste. Doch in diesem Jahr weilten per Ende September gerade mal 2420 in Sousse, ein Bruchteil von früher. Und auch im Oktober haben die Händler in den Souks der drittgrössten Stadt kaum Gelegenheit, den Touristen «Chuchichäschtli» und «Chum, Chueli, chum» nachzurufen. Selbst aus Luxemburg wurden per Ende September mehr Gäste registriert. Stattdessen reisten im Verlauf des Jahres 77'000 Russen, 17'000 Polen, 9000 Tschechen, 8700 Ungarn, 6700 Ukrainer und 6500 Slowaken ins einst von Schweizern so beliebte Sousse. Die Russen sind heute nach England und Deutschland die drittstärkste Gästegruppe.

Russen statt Schweizer

Im Unterschied zu früher kommen also die Touristen in Tunesien aus vielen Herren Länder. Die Hoteliers in Sousse und dem angrenzenden Port el-Kantaoui müssten über die verbesserte Diversifikation eigentlich glücklich sein. Sie sind es nur bedingt und trauern vergangenen Zeiten nach, als Hotelplan, Kuoni und Airtour Suisse insbesondere während der Herbstferien die Hotels füllten. «Die Russen kommen nur im Sommer; die Schweizer kamen das ganze Jahr», meint Farouk Ghannouchi vom Hotelierverein.

Die Warnung des EDA

Die Bestrebungen des tunesischen Verkehrsbüros zeigen, wie sehr den Tunesiern der Schweizer Markt am Herzen liegt. Es führte in der ersten Oktoberwoche in Tunis ein Seminar zum Thema «Für die Wiederbelebung des Schweizer Markts» durch. Der Anlass war der französischsprachigen Tageszeitung «La Presse de Tunisie» ein längerer Artikel wert. Darin wird auch Pierre Combernous zitiert, der Schweizer Botschafter in Tunis. Er rät den Verantwortlichen, ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis anzustreben und Angebote in der Sahara zu fördern. Solche Ratschläge wirken fast zynisch, denn das Departement für auswärtige Angelegenheiten warnt auf ihrer Website vor einer Reise nach Tunesien. Dort steht: «In den Touristenzentren ist es im Allgemeinen ruhig, allerdings hat die Kleinkriminalität zugenommen. Auch besteht im ganzen Land das Risiko von Terroranschlägen. Aufgrund regionaler Ereignisse hat die Gefahr von Anschlägen auf Ausländer zugenommen.»

Peter Schönenberger, Mövenpick.
Peter Schönenberger, Mövenpick.

In Sousse sorgt diese Warnung für Kopfschütteln: «Nicht ein einziger Tourist hat wegen der Revolution Schaden genommen», meint Mokhtar Charfeddine, Direktor im Viersternhotel Hasdrubal-Thalassa in Port el Kantaoui. Und er verweist auf die Homepage der Österreicher, welche eine mildere Einschätzung publizieren: «In den Touristengebieten ist derzeit nicht von einer erhöhten Sicherheitsgefährdung auszugehen», schreibt das Aussenministeriums Österreich.

Schlechte Flugverbindung?

Roland Schmid, Mediensprecher von TUI Suisse, glaubt nicht, dass die Warnung des EDA die Leute von Tunesien-Ferien abhält. Für Djerba stellt er nämlich eine leicht wachsende Nachfrage fest, was er auf die häufigeren und besseren Flugverbindung zurückführt.

Peter Schönenberger, Generaldirektor im Fünfsternhotel Mövenpick in Sousse, hat noch eine andere Erklärung für den Rückgang der Schweizer Gäste: in all den tunesischen Flüchtlingen, die in der Schweiz während Monaten für negative Schlagzeilen sorgten. Im Mövenpick, welches vier Monate vor dem Sturz des langjährigen Diktators Ben Ali mit seinen 680 Zimmern eröffnet wurde, liegt der Anteil der Schweizer Touristen nur gerade bei 0,7 Prozent.

Djerba ist ein Sonderfall

Gut möglich also, dass die Marke «Tunesien» im Unterschied zur Marke «Djerba» bei Schweizern nicht mehr im Trend liegt. Wer nach Sousse oder nach Hammamet geht, sagt, er geht nach Tunesien. Wer nach Djerba geht, sagt, er geht nach Djerba. Manchem Sonnenhungrigen ist wohl Djerba wie eine Welt für sich.

 

 

«Wir brauchen eine starke Hand, die für Ordnung sorgt»

Dem Rückkehrer nach Sousse, der drittgrössten Stadt Tunesiens, fällt der Dreck auf, der vielerorts herumliegt. Früher war das anders. Einheimische haben eine schnelle Antwort darauf: die neue Regierung. «Es klappt nichts mehr. Hat man mit der Behörde zu tun, dauert es noch länger als früher», lautet eine häufige Antwort. Hoteliers nehmen kein Blatt vor den Mund, sobald das Tonbandgerät ausgeschaltet ist. «Wir wünschen uns Ben Ali zurück», sagt einer. Dies freilich ohne seine zweite Frau Leila mit ihrem korrupten Clan. Aber Ben Ali, der das Land von 1987 bis 2011 autokratisch regierte und am 14. Januar 2011 nach Saudiarabien flüchten musste, sei schon in Ordnung. «Er hat wenigstens für Ordnung gesorgt.»

«Ihr Europäer liegt falsch», ereifert sich ein früherer Teppichhändler, der es zu einem beachtlichen Vermögen brachte. «In Tunesien funktioniert die Demokratie nicht. In den Familien haben wir auch keine Demokratie. Wir brauchen eine starke Hand, die für Ordnung sorgt.» Und

mit dem Hinweis, dass der geschasste Machthaber und vor allem der Trabelsi-Clan seiner zweiten Frau das tunesische Volk bestohlen habe, sagt er: «Mir hat Ben Ali nichts gestohlen. Doch heute muss ich alles zweifach verriegeln. Auf die Polizei ist auch kein Verlass mehr.» Es gibt freilich auch andere Stimmen, welche für Geduld plädieren, wie etwa Mokhtar Charfeddine vom Hotel Hasdrubal in Port el-Kantaoui. Es brauche Zeit, bis eine Demokratie etabliert sei, sagt er. Doch insgesamt scheinen die Kritiker in der Mehrheit zu sein. Denn es fluchen nicht nur die Privilegierten. «Ich habe mir den Wechsel an der Regierung gewünscht, doch jetzt bereue ich es», sagt ein Mann beim Coiffeur, wo es lauter zu- und hergeht als in einem maurischen Café. Man spricht nur noch über Politik: Es fehlen Jobs, alles wird teurer. Der Tourist aber merkt nichts von alledem. Ausser dass es vielleicht etwas dreckiger ist als früher.

 

Erschienen in der BZ am 21. Oktober 2013


Claude Chatelain