Vierte Säule: Über den Skrupel, von der Sozialhilfe zu leben

Einem Bekannten von mir sträubten sich die Haare. Dies natürlich nur bildlich gesprochen, denn er hat seinen Kopf glatt rasiert.

Sein 21-jähriger Sohn erzählte ihm beiläufig, er beziehe nun Sozialhilfe. Er hat es in seiner spätpubertierenden Phase verpasst, sich ordentlich für eine Arbeitsstelle zu bewerben. Deshalb verlor er den Anspruch auf Arbeitslosengeld. Kein Problem, sagte sich der Junge, für etwas ist die Sozialhilfe schliesslich da.

Dem Vater sträubten sich aus zwei Gründen die Haare (wenn er welche hätte). Erstens verdient er einen tollen Zapfen, den ich auf rund 180 000 Franken schätze. Zweitens ist er der Meinung, dass sein Sohn sehr wohl jobben könnte, wenn er wollte. Damit wären wir bei einem Fall angelangt, der vor ein paar Wochen publik wurde. Ein 44-jähriger, gelernter Möbelschreiner hat sich zum Informatiker weitergebildet. Seit Oktober 2009 wird er vom Sozialdienst der Stadt Bern unterstützt. 2011 wurde er für einen zweimonatigen Arbeitseinsatz aufgeboten. Er hätte bei der Pflege von Grünanlagen mithelfen sollen. Nachdem der Betroffene durch Abwesenheit geglänzt hatte, stellte die Stadt die Sozialhilfe ein. Der Mann ging bis ans Bundesgericht, welches seine Beschwerde nun abgewiesen hat.

Die zwei Beispiele haben einen Unterschied und eine Parallele: Verschieden ist das Vorgehen der Sozialbehörden: Beim 21-Jährigen machten sie es sich zu einfach. Sie hätten mit Verweis auf die Verwandtenunterstützung laut ZGB 328 den Vater kontaktieren müssen. Doch das ist mit Aufwand verbunden, vielleicht sogar mit Überstunden. Anders beim 44-Jährigen. Hier scheute der Sozialdienst keinen Aufwand, um die Arbeitsfähigkeit und den Arbeitswillen des Sozialhilfebezügers zu testen.

Vergleichbar ist das Verhalten der Sozialhilfebezüger. Sie haben keine Skrupel, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben. Dies ist ein Zeichen unserer Zeit. Ganz schön zeigt sich das am beschriebenen Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn. Der Vater hat Skrupel. Er ist, wie ich, vielleicht etwas altmodisch.

 

Erschienen in der BZ am 8. Oktober 2013

Claude Chatelain