Die Qual der Wahl vor der Operation

  Mit flexiblen Spitalversicherungen entscheidet der Versicherte vor dem Eingriff, in welcher Abteilung er sich behandeln lassen möchte.
Mit flexiblen Spitalversicherungen entscheidet der Versicherte vor dem Eingriff, in welcher Abteilung er sich behandeln lassen möchte.

Für die einen sind die flexiblen Spitalkostenzusatzversicherungen das grosse Thema. Für andere sind sie zu kompliziert. Und nochmals andere schwören auf das Produkt von Innova.

«Flexible Spitalkostenversicherungen sind heute das ganz grosse Thema», sagt Stephan Wirz, Geschäftsleitungsmitglied beim Maklerzentrum in Basel. Das sind also jene Spitalversicherungen, bei welchen der Patient vor dem operativen Eingriff im Spital entscheidet, ob er sich in der allgemeinen, halbprivaten oder privaten Abteilung behandeln lassen will und je nachdem einen hohen Selbstbehalt aus dem eigenen Sack bezahlt. Der Marktleader Helsana bietet verschiedene Varianten an:

  • 35 Prozent Kostenbeteiligung bis maximal 3000 Franken pro Jahr in der halbprivaten Abteilung.
  • 20 Prozent Kostenbeteiligung bis maximal 2000 Franken pro Jahr in der halbprivaten Abteilung.
  • 35 Prozent Kostenbeteiligung bis maximal 4000 Franken pro Jahr in der privaten Abteilung.

 

Bei diversen Krankenversicherern sind solche Flex-Produkte nicht erst heute das grosse Thema. Egon Hürlimann von der Kolping-Krankenkasse in Dübendorf erklärte schon 2005 in der inzwischen eingestellten Wirtschaftszeitung «Cash»: «Die klassischen Spitalkosten-Zusatzversicherungen privat und halbprivat sind ein Auslaufmodell. Die Versicherten wählen mehr und mehr flexible Modelle.» Und vor zwei Jahren erklärte eine CSS-Sprecherin in dieser Zeitung: «Der grösste Teil unserer Kunden interessiert sich nur noch für die Produktelinie My Flex.»

Der Vorteil liegt im Preis

Gegenüber den klassischen Spitalkostenzusatzversicherungen privat und halbprivat haben Flex-Produkte einen bestechenden Vorteil: den Preis. Weil die Prämien für die obligatorische Grundversicherung von Jahr zu Jahr steigen, suchen die Leute nach Wegen, um zumindest bei den freiwilligen Zusatzversicherungen Einsparungen zu erzielen. Visana, mit über 200 000 Versicherten Marktleader im Kanton Bern, führt dagegen erst seit Anfang Jahr eine flexible Spitalversicherung im Sortiment. «Die Nachfrage hält sich in Grenzen», meint Firmensprecher Christian Beusch. Und Reto Egloff, der designierte GL-Vorsitzende der KPT, hält nichts von solchen flexiblen Spitalzusatzversicherungen. «Die auf dem Markt befindlichen flexiblen Modelle sind viel zu kompliziert.» Die KPT bietet daher die Halbprivat- und Privatversicherungen mit unterschiedlichen Selbstbehalten an. Das sei einfacher, transparenter und erfülle den gleichen Zweck.

Selbstbehalt und Obergrenze

Die Flex-Produkte haben in den meisten Fällen einen in Prozent ausgedrückten Selbstbehalt mit einer in Franken bezifferten Obergrenze. Doch was heisst schon Selbstbehalt? Auf wie viele Franken wird sich der Selbstbehalt beziffern, wenn man im Zweier- oder noch lieber im komfortablen Einerzimmer liegen möchte? Mit diesen Fragen bringt man das Problem solcher Flex-Produkte auf den Punkt. Denn Normalsterbliche haben keine Ahnung, wie teuer der Spitalaufenthalt zu stehen kommt. Zumal nicht immer klar ist, ob der zu bezahlende Selbstbehalt auf der gesamten Spitalrechnung oder nur auf dem Aufpreis für die halbprivate oder private Abteilung zu bezahlen ist. Also muss man vom Krankenversicherer eine Kostengutsprache einholen, was mit einem administrativen Aufwand verbunden ist. Deshalb rechnen die Versicherten häufig mit dem maximalen Selbstbehalt und verzichten gerade deshalb auf das Upgrading, obschon der Selbstbehalt womöglich gar nicht so hoch zu stehen käme.

Stephan Wirz vom Maklerzentrum bricht daher eine Lanze für das Produkt von Innova. Also von jenem Krankenversicherer mit Sitz in Gümligen , welcher die obligatorische Grundversicherung der Visana-Krankenkasse übertrug und nur noch Zusatzversicherungen anbietet. Switch – so heisst besagtes Innova-Produkt – beziffert den Selbstbehalt nicht in Prozent der Kosten, die man nicht kennt, sondern in Franken pro Tag. Will man sich in der halbprivaten statt in der allgemeinen Abteilung behandeln lassen, so kostet das 75 Franken pro Tag. Die private Abteilung kostet 200 Franken pro Tag. Die Prämie ist abhängig vom Alter, dem Wohnort und der Rauchergewohnheit. Ein 50-jähriger Stadtberner, der zeitlebens der Verführung der Zigarettenwerbung widerstehen konnte, zahlt monatlich 57 Franken. Ist die 50-jährige Person mit Wohnort Bern der Nikotinsucht verfallen, zahlt er dagegen 88 Franken im Monat.

 

Erschienen in der BZ am 1. Oktober 2013

Claude Chatelain