Berner Bahnen fahren zur OTC

Die Handelsplattform für nicht kotierte Aktien erhält prominenten Zuwachs: Innerhalb von nur sechs Monaten stossen fünf Bahn- und Touristikunternehmen aus der Region zur OTC-X.

  Die Gondelbahn Grindelwald–Männlichen fährt in eine ungewisse Zukunft. Und ihre Aktien verzeichnen nur geringe Umsätze.
Die Gondelbahn Grindelwald–Männlichen fährt in eine ungewisse Zukunft. Und ihre Aktien verzeichnen nur geringe Umsätze.

Die BLS und die Berner-Oberland-Bahnen (BOB) verabschieden sich von der Börse. Damit werden ihre Aktien ab kommendem Jahr auf dem Kursblatt der OTC-X stehen, der Handelsplattform der Berner Kantonalbank (BEKB). Die Börsenkotierung machte in letzter Zeit für die staatlich kontrollierten Bahnunternehmen kaum mehr Sinn. Ihre Umsätze sind zu gering. Denn die Börsen stellen hohe Anforderungen an die Rechnungslegung, wenn ein Unternehmen den Handel seiner Aktien über die Börse abwickeln will. Solche Auflagen sind teuer — und werden nun nach Annahme der Abzockerinitiative vermutlich noch teurer.


BLS: Kein Prestigegewinn

Ob der Zuzug der BLS für die OTC-X ein Prestigegewinn ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Das zweitgrösste Bahnunternehmen der Schweiz gehört zu gut 93 Prozent der öffentlichen Hand, vorwiegend dem Kanton Bern und dem Bund. Rund 2700 private Aktionäre besitzen einen Anteil von gut 6 Prozent. Und sie haben nichts zu lachen: Der Kurs von 74 Rappen liegt unter dem Nominalwert von einem Franken. Dividenden gibt es auch keine. Früher hatte die BLS-Spitze noch Kurspflege betrieben, sodass der Aktienkurs über dem Nominalwert zu stehen kam. Die BLS beziehungsweise deren Grossaktionäre haben nun offensichtlich das Interesse an Privataktionären verloren, wie auch die Dekotierung beweist. Laut Peter D. Deutsch, dem Sekretär des Schutzkomitees der privaten BLS-Aktionäre, zeigt die Dekotierung, «dass die BLS die Anforderungen an eine Aktiengesellschaft nicht mehr erfüllt». Er spricht von einem «unhaltbaren Zustand», während Jahren habe die BLS keine Dividende ausgeschüttet, obwohl das Eigenkapital seit 2005 von 305 Millionen auf 433 Millionen Franken gestiegen sei – und die Gewinnreserven von 94 auf über 240 Millionen Franken. Deutsch findet, es sei nicht gerechtfertigt, dass private Aktionäre einem Unternehmen der öffentlichen Hand Gelder zinsfrei zur Verfügung stellen müssten (Ausgabe vom 18. September 2013). Doch bisher machte die staatlich kontrollierte Eisenbahngesellschaft keine Anstalten, den privaten Aktionären ein faires Rückkaufangebot zu unterbreiten, wie man das von ihr erwarten dürfte.


GGM: Hoher Kapitalbedarf

Ebenfalls geringe Umsätze erzielte die Gondelbahn Grindelwald–Männlichen (GGM) an der Berner Börse. Sie hat daher ihre Aktien bereits auf Mitte Jahr dekotieren lassen. Seither werden sie auf der OTC-X gehandelt, freilich weiterhin mit bescheidenen Umsätzen: Im zurückliegenden Quartal wechselten gerade mal 50 Aktien mit einem Volumen von 4378 Franken die Hand. Die Zukunft der Bahn steht in den Sternen. Sie braucht Kapital, um zusammen mit den Jungfraubahnen das ambitionierte V-Projekt finanzieren zu können. Zudem läuft die Konzession in drei Jahren aus. Die GGM-Aktie war einst eine Dividendenperle. Diese Zeiten sind vorbei und dürften nicht so rasch wiederkehren. Man könnte sich sogar auf den Standpunkt stellen, die GGM hätte das Geld in der Vergangenheit lieber für Investitionen zurückgestellt, statt grosszügig den Aktionären auszuzahlen.


Weissenstein: Hohe Umsätze

Deutlich höhere Umsätze erzielen die Aktien der Seilbahn Weissenstein, die erst seit zwei Wochen auf der OTC-X zu haben sind: Allein in den ersten zwei Handelswochen wechselten in 88 Transaktionen 927 Aktien den Besitzer und generierten einen Umsatz von über 96 832 Franken. Die neue Gondelbahn auf den Solothurner Hausberg ist erst im Entstehen begriffen, nachdem die alte und beliebte Zweiersesselbahn abgerissen werden musste. Sie war die letzte Sesselbahn dieses Typs und galt als Technikdenkmal von nationaler Bedeutung.

 

Nun wollen die Aktionäre der Seilbahn Weissenstein AG die Abwicklung von Kauf und Verkauf der Aktien vereinfachen und den Zugang für alle Interessierten ermöglichen. Zuvor hat die Regiobank Solothurn den Aktienhandel betrieben. Gegenüber der BZ Langenthaler Tagblatt erklärte Rolf Studer, Vizepräsident der Seilbahn Weissenstein AG, der Gang an die OTC-X diene nicht einer möglichen Beschaffung von zusätzlichem Eigenkapital, und es gebe keine Pläne für eine Kapitalerhöhung.


Luxushotels: Bald an der OTC

Damit nicht genug: Ab Anfang Dezember können die Aktien eines weiteren touristischen Unternehmens via OTC-X gehandelt werden, jene der Victoria-Jungfrau-Collection, welche per Ende November an der Schweizer Börse dekotiert werden. Neben dem Palace Luzern und dem Eden au Lac in Zürich zählen auch das Stadtberner Bellevue-Palace und das Victoria-Jungfrau in Interlaken zu diesem Verbund. Die Berner Kantonalbank kann sich über jeden Zuwachs freuen, vor allem, wenn es sich um Aktiengesellschaften bekannter Markennamen handelt. Doch die Musik wird nicht bei den touristischen Bahnen gespielt, wie in der Tabelle unschwer zu erkennen ist, sondern bei Immobiliengesellschaften, Zuckerfabriken, Kongress- und Casinobetrieben sowie Edelmetallfirmen. Sie erzielten seit Anfang Jahr die höchsten Umsätze.

 

Erschienen in der BZ am 1. Oktober 2013

Claude Chatelain