Freie Arztwahl für ambulante Operationen

  Am Morgen für die Operation zum Chefarzt, am Abend wieder zu Hause. Der medizinische Fortschritt machts möglich.
Am Morgen für die Operation zum Chefarzt, am Abend wieder zu Hause. Der medizinische Fortschritt machts möglich.

 

Mit dem medizinischen Fortschritt können immer mehr Operationen ambulant durchgeführt werden. Das ruft nach neuen Zusatzversicherungen.

 

 

Marktleader Helsana hat eine neue Zusatzversicherung auf den Markt gebracht. Sie heisst Primeo und bietet die freie Arztwahl im ambulanten Bereich an. Diese Meldung – Anfang Juli publiziert – haute einen kaum aus den Socken, war doch die freie Arztwahl in der ambulanten Behandlung im Spital bisher kaum ein Thema. Dies im Unterschied zur freien Arztwahl bei einer stationären Behandlung, wie das die halb private oder private Spitalzusatzversicherung ermöglicht.

Rob Hartmans von der Helsana: «Dank moderner Spitzenmedizin können immer mehr Operationen ambulant durchgeführt werden», so der Kommunikationschef. Er denkt etwa an Hallux, Leistenbruch, Mandelentfernung, Sehnenscheidenentzündung, Tennisarm oder Kniegelenkspiegelung. Bei solchen Eingriffen sei es ein Vorteil, wenn man den ausgewiesenen Facharzt im Spital frei wählen könne und die Garantie erhalte, von diesem behandelt zu werden.

Hartmans erhält Unterstützung von Urban Laffer. Der medizinische Leiter im Spitalzentrum Biel gibt sich überzeugt, dass das neue Versicherungsangebot einem Kundenbedürfnis entspricht. Er schreibt dies im Skalpell-Blog, in welchem er gesundheitspolitische Themen kommentiert. Wobei er als Chefarzt ein ureigenes Interesse hat, für ambulante Eingriffe eine zusätzliche Entschädigung zu erhalten. Auch Peter Fischer, der Verwaltungsratspräsident der Lindenhof-Gruppe, ist vom neuen Helsana-Angebot überzeugt: «Primeo ist aus meiner Sicht ein innovatives Produkt, das Nachahmer finden wird.»

Primeo gilt nicht überall

Aufgepasst: Der direkte Zugang zum Spezialisten gilt bloss bei Partnerkliniken von Helsana. Wer sich von einem Arzt der Stadtberner Spitäler Tiefenau, Ziegler oder im Spital Interlaken behandeln lässt, hat Pech gehabt. Mit diesen Spitälern hat Helsana für das Primeo-Produkt keine vertragliche Vereinbarung abgeschlossen.

52 der rund 300 Spitäler in der Schweiz können sich rühmen, Partnerkliniken von Helsana zu sein. Laut Rob Hartmans hat Helsana kein Interesse, das Angebot unkontrolliert zu erhöhen. Man kann daraus ablesen, dass der Marktleader mit der Wahl der Partnerkliniken auch eine gewisse Qualitätskontrolle vornimmt. «Helsana tritt mehr und mehr als starker Partner der Spitäler auf», sagt Peter Fischer.

Verhältnismässig teuer

Primeo kostet laut einer Faustregel monatlich rund 1 Franken pro Altersjahr. Für eine 50-jährige Person käme die neue Versicherungsdeckung auf monatlich 50 Franken zu stehen. Das ist nicht gerade billig. «Diese Deckung ist sicherlich sinnvoll, aber im Vergleich zu einer Flex-Versicherung mit einer Deckung auch für stationäre Behandlungen deutlich zu teuer», meint Stephan Wirz, Vertriebsleiter vom Maklerzentrum, einer in der Versicherungs- und Vorsorgeberatung tätigen Firma mit 280 Mitarbeitern.

 

 

Zusatzversicherung

KPT


Auch im kommenden November stehen die Prämienzahler wie alle Jahre vor der Frage, ob sie ihre obligatorische Grundversicherung zu einer Krankenkasse mit weniger teuren Prämien wechseln wollen. Eine allfällige Kündigung müsste bis Ende November bei der bisherigen Krankenkasse eingetroffen sein. Der eine oder andere Versicherte wird nach alternativen Sparmöglichkeiten Ausschau halten und kommt allenfalls zum Schluss, eine bestimmte Zusatzversicherung kündigen zu wollen. Doch im November ist es dazu häufig zu spät. Im Unterschied zur Grundversicherung gilt bei Zusatzversicherungen in den meisten Fällen eine Kündigungsfrist von drei Monaten. Nur wenn die Prämie der Zusatzversicherung erhöht wird, kann sie auch später noch gekündigt werden.

Vor zwei Jahren hat die KPT für ihre Versicherten im Kanton Bern die Arztwahlversicherung Prio lanciert. Und nun bringt Branchenführer Helsana die Zusatzversicherung Primeo auf den Markt. Allein aufgrund der ähnlichen Namen könnte man meinen, Prio und Primeo seien ähnliche Angebote. Sie sind es nicht. Das KPT-Produkt Prio ist so etwas wie eine abgespeckte Spitalkostenzusatzversicherung: Man geniesst die freie Arztwahl, verzichtet aber auf das Ein- oder Zweibettzimmer und was sonst noch im Spital an zusätzlichem Komfort geboten wird. Dafür zahlt man nur etwa ein Drittel der Prämie einer Spitalkostenzusatzversicherung halb privat. Primeo von Helsana bietet die freie Arztwahl jedoch lediglich bei ambulanten Eingriffen.

 

Erschienen in der BZ am 17. September 2013


Claude Chatelain