Die Ruhe vor dem (Euro)-Sturm

Hektik an der Wallstreet: Die Aktien fielen am 19.Oktober 1987 über 20 Prozent in die Tiefe. Nicht wenige befürchten, solche Bilder könnten sich bald wiederholen.
Hektik an der Wallstreet: Die Aktien fielen am 19.Oktober 1987 über 20 Prozent in die Tiefe. Nicht wenige befürchten, solche Bilder könnten sich bald wiederholen.

Die Unsicherheit an den Finanzmärkten hält an, zumal die Halbjahresergebnisse keinen spürbaren Trend offenbaren konnten. Zudem ist es um den Euro verdächtig ruhig geworden. Kein gutes Zeichen.

Der Bauer spricht von der Erntesaison, der Touristiker von der Skisaison, der Stadtberner von der Aaresaison, und der Börsianer spricht von der Berichtssaison. Von jener Zeit also, in welcher die börsenkotierten Unternehmen ihre Quartalsergebnisse publizieren. Im Fokus der Anleger ist jeweils der Gewinn pro Aktie, eines der wichtigsten Entscheidkriterien, ob man auf Aktien setzen soll oder nicht. Die Berichtssaison für das zweite Quartal beziehungsweise das erste Semester 2013 ist nun vorbei. Doch Anleger sind kaum klüger als zuvor. «Es gab überraschende Ausreisser, und das nach oben und unten», resümiert die «Finanz und Wirtschaft». Es sei kaum möglich, «aus den präsentierten Zahlen Gemeinsamkeiten für die Entwicklung der Unternehmensgewinne in der zweiten Jahreshälfte abzuleiten».

 

Verkaufe im Mai

 

«Sell in May, but remember to come back in September», sagt eine Börsenweisheit. Wer getreu dieser Regel im Mai Schweizer Aktien verkaufte, war in der Tat gut beraten: Am 22. Mai 2013 erklomm der Swiss-Market-Index den bisher höchsten Wert des Jahres: 8408 Punkte. Dann folgte ein Absturz um 14 Prozent innerhalb eines Monats, ehe das Börsenbarometer mit den 20 schwergewichtigen Schweizer Aktien wieder die 8000-Punkt-Marke zu erklimmen vermochte. So stellt sich die Frage, ob man nun, weil es September ist, an die Börse zurückkehren soll. «Nein», meint Alex Hinder auf dem Onlineportal von «Cash». «Kurzfristig, das heisst im September, erwarte ich einen Rückschlag des Swiss-Market-Index, dann gehts bis zum Jahresende wohl nochmals in Richtung 8250 Punkte», so der Inhaber von Hinder Asset Management. Man könnte also sagen: «Sell in May, but remember to come back in October.»

 

Schwarzer Monat Oktober

 

Doch gerade davor wollen andere gewarnt haben. So zum Beispiel Marc Faber, der wohl berühmteste Börsenexperte, der für seine treffsicheren Prognosen früherer Crashs Weltruhm erlangte. Der in Hongkong lebende Schweizer hat Parallelen zu 1987 ausgemacht. Denn wenn es so richtig kracht an der Börse, dann häufig im Oktober. Zu denken sei eben an den Schwarzen Montag vom 19. Oktober 1987 oder an den Schwarzen Donnerstag vom 24. Oktober 1929. Börsianern schaudert es, werden sie auf diese Ereignisse angesprochen.

1994 erhöhte Fed-Chef Alan Greenspan achtmal den Leitzins und sorgte damit für sinkende Aktienkurse.
1994 erhöhte Fed-Chef Alan Greenspan achtmal den Leitzins und sorgte damit für sinkende Aktienkurse.

Ein anderes börsenrelevantes Ereignis geht aufs Jahr 1994 zurück: Aus Angst vor einer drohenden Inflation erhöhte der damalige Notenbankchef Alan Greenspan innerhalb eines Jahres achtmal den Leitzins. Das Anziehen der Zinsschraube sorgte für herbe Aktienkursverluste. Die Investoren erinnern sich auch deshalb mit einem unguten Gefühl an diese Epoche, weil der jetzige Fed-Chef Ben Bernanke durchblicken liess, den Geldhahn nach und nach zuzudrehen, wie das sein Vorgänger vor 19 Jahren auch gemacht hatte. Das ist insofern keine gute Nachricht für Aktionäre, als die gegenwärtige Aktienhausse vor allem liquiditätsgetrieben ist. Mit anderen Worten: Nicht eine boomende Konjunktur und damit einhergehende Rekordgewinne sorgten für überdurchschnittliche Aktienkursgewinne, sondern die hohe Liquidität im Geldkreislauf. Wird die Liquiditätszufuhr gestoppt, drohen die Aktienkurse zu fallen.

 

Swiss Life stellt Analogie mit 1994 in Abrede

 

Doch die Finanzmarktspezialisten von Swiss Life Asset Management stellen eine Analogie zu 1994 in Abrede: «1994 wiederholt sich in unseren Augen nicht», schreiben sie im aktuellen Finanzmarktausblick: Erstens würden die Investoren anders als 1994 gegenwärtig von der US-Notenbank auf eine Änderung ihrer geldpolitischen Ausrichtung vorbereitet. Zweitens habe damals die unerwartete Zinserhöhung zu einem Zeitpunkt stattgefunden, als die Bewertungen an den Aktienmärkten überdurchschnittlich hoch waren. «Davon kann im Moment nicht die Rede sein.» Und da ist ja auch noch der Euro, um den es in letzter Zeit verdächtig ruhig geworden ist. Einiges deutet darauf hin, dass die umstrittene Einheitswährung nur wegen der anstehenden Bundestagswahlen in Deutschland nicht für Schlagzeilen sorgt. «Sobald die Wahlen vorbei sind, geht es wieder los», meint ein Banker, der nicht genannt werden darf. Er ist mit dieser Einschätzung nicht allein.

 

Erschienen in der BZ am 10. September 2013

Claude Chatelain