Oberst Hui: «Weit über die Hälfte will zu den Kampftruppen»

Rekrutierungsoberst Markus Hui bittet den angehenden Rekruten, Platz zu nehmen. 69 Prozent der Stellungspflichtigen wollen in die Armee.
Rekrutierungsoberst Markus Hui bittet den angehenden Rekruten, Platz zu nehmen. 69 Prozent der Stellungspflichtigen wollen in die Armee.

Am 22. September kommt die Initiative «Ja zur Abschaffung der Wehrpflicht» zur Abstimmung. Wie verhält es sich mit der Armeefreundlichkeit unserer Jugend? Kaum jemand weiss es besser als Oberst Markus Hui vom Rekrutierungszentrum Sumiswald.

«Nehmen Sie Platz, bitte», sagt Oberst Markus Hui zum Stellungspflichtigen. «Aha, Sie wollen zu den Stinger.» Und dann zählt Hui auf, was solche mit Lenkwaffenraketen ausgestatteten Soldaten von frühmorgens bis spätabends herumschleppen müssen: «Stinger mit Nachtsichtgerät 18 Kilo; Splitterschutzweste 13 Kilo; Uniform, Marschschuhe, Sturmgewehr und Grundtrageinheit nochmals über 10 Kilo, gibt?» Sein Gegenüber überlegt kurz: «40 Kilo.» «Bingo», sagt Hui. «Und dann haben Sie noch keine Munition und nichts zum Essen und Trinken dabei.» Schliesslich entscheidet sich der angehende Rekrut doch lieber für die Panzerjäger. Er kann sogar wählen, wann er in Thun einrücken will. Nach fünf Minuten ist der Mann eingeteilt. «Rufen Sie Nummer 203», sagt Oberst Hui zum Abschied.

Sumiswald rekrutiert 6500 Männer und Frauen

Markus Hui kennt die Männerseele. Seit 2002 arbeitet er bei der Rekrutierung, und seit 2007 leitet er das Rekrutierungszentrum in Sumiswald. 5500 Jugendliche aus dem Kanton Bern und je 500 aus dem deutschsprachigen Teil der Kantone Wallis und Freiburg begeben sich jährlich ins Emmental, um sich der Prüfung ihrer Militärdiensttauglichkeit zu unterziehen. «69 Prozent davon wollen in die Armee, 11 Prozent in den Zivilschutz, 8 Prozent in den zivilen Ersatzdienst, 2 Prozent kommen mit dem Ziel zu uns, als untauglich qualifiziert zu werden, und 10 Prozent haben keine Meinung», weiss Markus Hui. Das sei das Ergebnis der im letzten Jahr im Anschluss an die Rekrutierung durchgeführten Befragungen. Rekrutierung? Früher hiess das Aushebung.

Alfred Bohren kontrolliert die Übungen.
Alfred Bohren kontrolliert die Übungen.

Aber: Wie verhielte es sich mit der Armeefreundlichkeit, wenn die Wehrpflicht am 22. September an der Urne abgeschafft würde? Der Rekrutierungsoffizier lässt sich nicht zu Spekulationen hinreissen, zumal er in Uniform keinen Abstimmungskampf betreiben darf. Er verweist lediglich auf die Erfahrungen in Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien. Diese Länder haben keine obligatorische Wehrpflicht mehr. Sie alle bekunden Rekrutierungsprobleme. «Heute sind die Jugendlichen viel offener als früher» «In all den Jahren hat sich die Armeefreundlichkeit kaum verändert», meint Markus Hui weiter.

Verändert habe sich jedoch das Verhalten der Jugendlichen. Dies hat auch Alfred Bohren beobachtet, der im Rekrutierungszentrum als Sportexperte die Fitness der Stellungspflichtigen prüft. «Heute sind die Jungen viel offener als früher. Sie fragen nach dem Sinn und Zweck der Übungen. Früher machten sie einfach, was man ihnen sagte», erklärt der frühere Trainer der SCL Tigers. Er meint dies durchaus im positiven Sinn.

In einigen Monaten wird Markus Hui mit Alter 58 in Pension geschickt. Bei älteren Berufsoffizieren ist das noch so üblich. Diese Vorruhestandsregelung ist eine Entschädigung für all die Tage, die der Berufsoffizier in den Rekrutenschulen für die Ausbildung der Wehrmänner in Kasernen verbringen musste sowie an Samstagen oder Sonntagen Dienst leistete. «150 Tage pro Jahr schlief ich jeweils auswärts», erinnert sich Hui, der auch heute noch auf seinen Vater Ernst Hui angesprochen wird, den 1977 verstorbenen legendären Sportreporter des Schweizer Fernsehens. Markus Hui instruierte vornehmlich bei den Radfahrertruppen, den «Redlibuebe», wie Nostalgiker sagen.

Markus Hui - mit 58 in Pension.
Markus Hui - mit 58 in Pension.

«Weit über die Hälfte der Stellungspflichtigen will zu den Kampftruppen», erklärt Hui weiter, also zur Infanterie, Artillerie oder zu den Panzertruppen. Gibt es tatsächlich Männer, die freiwillig zu den Füsilieren wollen? «Füsiliere gibt es nicht mehr. Das sind heute Infanteristen, die nicht dauernd zu Fuss unterwegs sind und eine vielfältigere Ausbildung erhalten», korrigiert Oberst Hui den fragenden Reporter, der zu Zeiten die RS machte, als noch Dragoner die Schweizer Armee verstärkten. Dragoner? Deutsche Politiker nennen das Kavallerie.

In Sumiswald liegt eines von sechs Rekrutierungszentren in der Schweiz. Die Stellungspflichtigen haben dort medizinische, psychologische und sportliche Prüfungen zu absolvieren. Zudem werden Intelligenz, Leadership, Führungsmotivation und Persönlichkeit getestet. Daraus ergibt sich das Leistungsprofil.

Die angehenden Wehrmänner können drei Wünsche formulieren, zu welcher Truppe sie gehen möchten. Das Gleiche gilt für die 120 bis 150 Frauen, die sich jährlich freiwillig für die Armee melden. Bei jedem Zweiten kann dieser Wunsch erfüllt werden. Manchmal stimmen Leistungs- und Anforderungsprofil nicht überein. Eben weil zum Beispiel ein Mann nicht die entsprechende Wasserverdrängung aufweist, um täglich mehrere Stunden 42 Kilogramm herumzuschleppen.

47 Prozent trainieren dreimal wöchentlich

Unverändert präsentiert sich die körperliche Tüchtigkeit. Die bei der Rekrutierung erzielten Ergebnisse werden jeweils vom Bundesamt für Sport (Baspo) ausgewertet. «In den vergangenen sieben Jahren hat sich die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Schweizer Männer nicht relevant verändert. Fitnesstestresultate zeigen nur geringe Schwankungen zwischen den sieben Jahrgängen von 2006 bis 2012», weiss Baspo-Sprecher Kurt Henauer. Angestiegen ist jedoch der Anteil der Stellungspflichtigen, welche aufgrund ihres Bewegungsverhaltens als trainiert eingestuft werden, also mindestens dreimal pro Woche körperlich intensiv aktiv sind. Dieser Wert hat sich in nur sieben Jahren von 41 auf 47 Prozent signifikant erhöht.

 

 

Gewissensprüfung

Fitnesstest


Wer aus welchen Gründen auch immer weder in der Armee noch im Zivilschutz Dienst leisten will, kann ohne nähere Begründung ein Gesuch stellen für den zivilen Ersatzdienst. Gewissensprüfungen gibt es keine mehr. Der zivile Ersatzdienst kann zum Beispiel in einem Spital, in der Landwirtschaft oder in der Jugendhilfe absolviert werden. Er dauert 1,5-mal länger als der obligatorische Militärdienst.

Turnen Der aktuelle Fitnesstest besteht aus:

  • einem Standweitsprung;
  • einem sitzend ausgeführten Medizinballstoss zum Messen der Explosivkraft der unteren und oberen Extremitäten;
  • einem globalen Rumpfkrafttest zur Bestimmung der Kraftausdauer der Rumpfmuskulatur;
  • einem Einbeinstand zum Messen des Gleichgewichts;
  • einem progressiven Ausdauerlauf zur Erhebung der aeroben Ausdauerleistungsfähigkeit.

 

Erschienen in der BZ am 6. September 2013

 


Claude Chatelain