Ein Banker trieb die Rega-Saläre in ungeahnte Höhen

Eine Rettung kostet immer mehr: Die Lohnsumme der Rega stieg von 2003 bis 2011 um 38 Prozent, weil die Mitarbeitenden «erfahrener, älter und somit auch teurer» seien, lautet die Begründung der Rega.
Eine Rettung kostet immer mehr: Die Lohnsumme der Rega stieg von 2003 bis 2011 um 38 Prozent, weil die Mitarbeitenden «erfahrener, älter und somit auch teurer» seien, lautet die Begründung der Rega.

Rega-Chef Ernst Kohler ist wegen seines überrissenen Salärs heftig kritisiert worden. Doch der neue Geist, wie er nun bei der Rega herrscht, geht aufs Jahr 2004 zurück, als mit Albert Keller ein Banker das Sagen hatte.

Bis 500'000 Franken verdient der CEO der Rettungsflugwacht jährlich – ohne Pauschalspesen und Fringe-Benefits. Diese Nachricht sorgte in den vergangenen Wochen für rote Köpfe. Der Glarner SVP-Ständerat This Jenny forderte am letzten Wochenende, Ernst Kohler müsse seine Bezüge sofort halbieren. «Sonst betreibt die gemeinnützige Organisation Abzockerei und Selbstbedienung in Reinkultur.» Mit der Halbierung der Bezüge würde Ernst Kohler immer noch mehr verdienen als vor seinem Amtsantritt vor siebeneinhalb Jahren. Damals war er Betriebsleiter des Militärflugplatzes Meiringen, wo er gemäss «Weltwoche» um die 170'000 Franken verdient haben dürfte.

 

Der neue Geist hielt 2004 mit einem Banker Einzug

 

Es ist nicht der CEO, der sein Gehalt festlegt, sondern der Stiftungsrat. Und dieser lässt sich ebenfalls fürstlich entlöhnen. Freilich ist dies nicht neu. Der neue, monetär getriebene Geist hielt in den Jahren 2004 und 2005 Einzug. In diesen beiden Jahren kletterten die Entschädigungen an die Stiftungsräte von 83'000 auf insgesamt 245'000 Franken – eine Verdreifachung in nur zwei Jahren.

 

Verantwortlich für diesen Kulturwandel ist der neue Präsident Albert Keller. Von 1996 bis 2000 war er Mitglied der Geschäftsleitung der Berner Kantonalbank, zuständig für das Anlage- und Handelsgeschäft. Kellers Vorgänger als Stiftungsratspräsident war Hannes Goetz, der frühere Verwaltungsratspräsident der Swissair. Unter Goetz und seinen Vorgängern war der Stiftungsrat noch ein Ehrenamt. «Goetz hat nicht einmal die Spesen verrechnet», weiss ein Insider.

 

Rega-Sprecher Sascha Hardegger erklärt, dass unter dem Banker Keller die Aufgaben des Stiftungsrates neu definiert wurden. Es bildeten sich Kommissionen, und die einzelnen Mitglieder erhielten mehr Aufgaben. Insgesamt sei der Stiftungsrat professionalisiert worden. Zuletzt liess sich Keller seine Nebentätigkeit bei der Rega mit 90 000 Franken vergolden, natürlich unter dem Mantel der Verschwiegenheit.

 

2012 wurde Albert Keller aus Uitikon am Zürichsee durch den 66-jährigen Ulrich Graf abgelöst, den Verwaltungsratspräsidenten der Kaba Holding aus Rümlang. Doch Keller blieb bis Ende 2012 im Stiftungsrat, was zwar aussergewöhnlich, aber bei diesen Entschädigungen nicht überraschend ist.

 

Im Unterschied zu Albert Keller blieb es Ulrich Graf nicht vergönnt, das Honorar von 90'000 Franken unter Verschluss zu halten. Am 11. August erklärte er in einer Medienmitteilung: «Die Entschädigung des Stiftungsratspräsidenten der Rega von jährlich 90'000 Franken war vor meiner Amtszeit festgelegt worden. Ich stelle fest, dass sie in der Öffentlichkeit zu Diskussionen geführt hat. Ich habe deshalb beschlossen, meine Entschädigung auf 15'000 Franken jährlich zu reduzieren.»

 

Die Lohnsumme stieg in zehn Jahren um 38 Prozent

 

Nicht nur die Entschädigung des Stiftungsrats, auch die Löhne insgesamt sind in der Ära Keller über Gebühr gestiegen. Die Lohnsumme stieg von 2003 bis 2011 um 38 Prozent. Der Personalbestand nahm in dieser Zeit jedoch bloss um 12 Prozent zu. Die offizielle Begründung von Sascha Hardegger: «Auch die Rega hat ihren Mitarbeitenden in den letzten Jahren Lohnerhöhungen gegeben. Die Mitarbeitenden werden erfahrener, älter und somit auch teurer.» Aufgrund des öffentlichen Drucks erklärte die Rega am 7. August, dass das Salärband des CEOs, des Chefarztes und des Finanzchefs zwischen 250'000 und 440'000 Franken betrage. Unter Berücksichtigung eines Bonusses von maximal 13,6 Prozent kommen diese drei Führungskräfte auf ein Gehalt von maximal je 500'000 Franken. Wie kommen die Verantwortlichen dazu, den Bonus ausgerechnet auf 13,6 Prozent zu limitieren? Die «Weltwoche» rechnet vor: 440'000 Franken plus 13,6 Prozent variablen Bonus ergibt 499 840 Franken pro Jahr. Läge der Bonus um ein Promille höher, bei 13,7 Prozent, bekäme Kohler 500'280 Franken – mehr als eine halbe Million Franken. Das wäre den Gönnern wohl noch schwieriger zu erklären.

 

Der Stiftungsratsausschuss vergoldet das Kader

 

Doch Kohler konnte die Verdoppelung seines Salärs nicht selber bestimmen. Festgelegt wird seine Entschädigung vom fünfköpfigen Stiftungsratsausschuss. Im Stiftungsrat sitzt übrigens seit Anfang Jahr auch der Berner SVP-Nationalrat Adrian Amstutz. Zur ganzen Rega-Saga sagt er nichts. Unfallbedingt konnte er bisher an keiner Stiftungsratssitzung teilnehmen.

 

Verwaltungsräte können von den Aktionären abgewählt oder zumindest nicht wiedergewählt werden. Der Stiftungsrat hingegen wählt sich selber. Wer Präsident werden will, muss deshalb auf Seilschaften zählen können. Keller und Kohler gehörten zur selben Seilschaft: Der Banker Albert Keller sass schon seit 1990 im Stiftungsrat und wollte Nachfolger von Hannes Goetz werden. Er schaffte dies auch dank der Stimme von Ernst Kohler. Denn Kohler war vor seiner Ernennung zum operativen Chef der Rettungsflugwacht selber Mitglied des Stiftungsrats. Und als er vom Flugplatzchef zum Rega-Chef mutieren wollte, konnte er auf die Unterstützung von Albert Keller zählen. Dies schrieb nicht nur die «Weltwoche». Dies bestätigen auch andere Quellen.

 

Die Rega kann sich überdurchschnittliche Saläre und fürstliche Entschädigungen leisten: Gönnerinnen und Gönner haben im letzten Jahr die gemeinnützige Organisation mit 77 Millionen Franken unterstützt. Weitere 2 Millionen stammen von Erbschaften und Legaten und 4 Millionen von Spenden und Schenkungen. Das ergibt ein Total von über 83 Millionen Franken. Ziemlich klein sind im Vergleich jene Kosten, welche die Rega keiner Versicherung weiterbelasten kann. Dieser Forderungsverzicht für Leistungen zugunsten von Gönnern belief sich im letzten Jahr auf 7,5 Millionen Franken, rund 10 Prozent der Gönnereinnahmen. 

 

Diese Fünf bestimmen Kohlers Lohn

Das fürstliche Gehalt von CEO Ernst Kohler wird vom fünfköpfigen Stiftungsratsausschuss festgelegt. Es sind dies:

 

Ulrich Graf: Der Präsident hat mit der Herabstufung seines Honorars schon mal ein Zeichen gesetzt.

Franz Steinegger: Der Vizepräsident verteidigte in den Medien die geltende Lohnstruktur. Der ehemalige FDP-Präsident sagte, die Löhne der Rega-Geschäftsleitungsmitglieder dürften nicht mit Organisationen wie dem Roten Kreuz verglichen werden. Die Rega sei ein doppelter Flugbetrieb mit Jets und Helikoptern.

Michael Hobmeier: Der ehemalige CEO der Valiant Holding hat bei der Regionalbank einen wenig schmeichelhaften Leistungsausweis vorzuweisen. In seiner nur kurzen Amtszeit als CEO fiel die Aktie von über 200 auf unter 90 Franken.

Ebenfalls in seine Amtszeit fiel die Rüge der Finanzmarktaufsicht, die die Regionalbank der Marktmanipulation bezichtigte. Ende April musste er sein Büro räumen.

Christian Kern: Der 56-jährige Genfer Chefarzt der Anästhesie am Universitätsspital Lausanne dürfte sich im Ausschuss vorab um medizinische Belange und weniger um Lohnfragen kümmern.

Patrizia Pesenti: Die frühere Staatsrätin aus dem Tessin ist heute in der Unternehmens-entwicklung des Medienunternehmens Ringier tätig, das auch den «Blick» herausgibt. «Meine persönliche Meinung deckt sich mit der Meinung des Stiftungsrates», erklärt die einstige SP-Politikerin und Bundesratskandidatin.

 

Erschienen in der BZ am 24. August 2013


Claude Chatelain