Angetippt: Vor der Blauen Kuh in Matten

Zuerst glaubte ich, das sei ein Witz; da nehme ein Mann seinen Kollegen auf die Schippe. Der vermeintlich auf die Schippe Genommene hat vis-à-vis der Metzgerei Blaue Kuh in Matten drei Minuten nach zwölf Glas entsorgt. «He, isch zwöufi gsy», ruft da einer aus dem Auto. Und eine Frauenstimme krächzt hinterher: «Chöit dir nid läse?»

Es war leider kein Witz. Da wird keiner auf die Schippe genommen, sondern gemassregelt. Der Angesprochene schaut auf die Uhr, schüttelt den Kopf, entsorgt die restlichen Flaschen und fährt von dannen. Doch bevor er abrauscht, hat der Lärmgeschädigte seinen Fotoapparat gezückt und das Nummernschild des fehlbaren Mitbürgers fotografiert.

 

Das sei gar kleinlich, meint ein Passant, der dort seinen Wagen parkierte, um in der Blauen Kuh die Grilladen für den sommerlichen Abend zu kaufen. Das sieht der Hobbyfotograf anders und beklagt sich darüber, dass am Sonntag 21 Sünder ihre Gläser entsorgten, obwohl das verboten sei. «Sonntag ist das eine; drei Minuten nach zwölf am Samstagmorgen etwas anderes», beschwichtigt der Passant. «Fünf Minuten, nicht drei», korrigiert der Lärmgeplagte.

 

In der Blauen Kuh ist von anderen Passanten zu vernehmen, dass der Mann fürs Motzen bekannt sei. Er würde gegen alles Einspruch erheben. Nun, der Mann ist keine Person des öffentlichen Interesses. Sein Name gehört deshalb nicht in die Zeitung. Mehr noch: Selbst Hinweise, die auf die Identität des Fehlbaren schliessen, darf ein Journalist nicht verwenden. Was freilich in diesem Fall schwierig ist. Allein der Beschrieb des Tathergangs entlarvt den Täter.

 

Wem die Geschichte erzählt wird, der lacht und sagt: «Das kann nur der… sein». Es gebe in Matten und Umgebung nur einer, der sich so aufführe. Nur einer? Gott sei Dank.

 

Erschienen im Berner Oberländer am 9. August 2013

Claude Chatelain