Standpunkt: Über den Dollar und Clintons Führungsschwäche

Bill Clinton
Bill Clinton

Präsident Clinton ist ein grosser Mann mit einem hohen Intellekt. Er steht an der Spitze eines enormen Landes, welches jeden Diktator in die Knie zwingen könnte. Trotz solcher beneidenswerter Vorzüge lässt sich der intelligente Clinton an der Nase herumführen, lamentiert die "New York Times" in ihrer Sonntagsausgabe. Am Wirtschaftsgipfel in Neapel wollte Clinton eine neue Handelsrunde einläuten, was von Francois Mitterand vereitelt wurde. Dann erklärte der US-Präsident in deutlichen Worten, er erwarte von den Russen einen vollständigen Truppenabzug aus Estland bis zum 31. August, wie das versprochen worden sei. Doch Boris Jelzin hat anderes im Sinn.

Im weiteren liess das Weisse Haus dem Militärregime in Haiti ausrichten, dass die Geduld bald ausgehe, worauf der Usurpator aus dem karibischen Inselreich sämtliche UN-Beobachter aus dem Lande wies. Und schliesslich machte Finanzchef Llyod Bentsen deutlich, dass man dem Wertverlust der US-Valuta nicht tatenlos zuschauen werde, was den Finanzmärkten derart Eindruck machte, dass der Dollar ungehindert gegenüber dem Yen historische Tiefstwerte notierte.

Die New York Times wünscht sich einen Präsidenten mit Charakterzügen eines Dobermanns......
Die New York Times wünscht sich einen Präsidenten mit Charakterzügen eines Dobermanns......

Nicht dass die "New York Times" in Clinton lieber einen Bullen sähe, die ja nicht sonderlich geschätzt sind. Doch statt einen Neufundländer, dem man Stecken zuwirft, wünschte man sich einen Präsidenten mit Charakterzügen eines Dobermanns. Mit solchen Tieren ist nicht zu spassen, mit Clinton hingegen schon. Doch inwieweit nun die Dollarschwäche eine Funktion von Clintons Führungsschwäche und Wankelmut darstellt, bleibt Gegenstand von Spekulationen. Tatsache ist aber, dass etliche Devisenhändler einen engen Zusammenhang sehen. Auf der anderen Seite ist Clintons mangelnde Auslanderfahrung und fehlende Durchschlagskraft nicht erst seit heute bekannt.

... statt einen zottigen Neufundländer, dem man Stecken zuwirft.
... statt einen zottigen Neufundländer, dem man Stecken zuwirft.

Aufgrund der fundamentalen Faktoren scheint eine Misstrauenskundgebung an die Adresse der USA kaum gerechtfertigt zu sein. Die Halbjahresergebnisse der US-Firmen stimmen zuversichtlich und müssten eigentlich die zinsinduzierte Hausse der letzten Jahre durch eine gewinninduzierte ersetzen können. Das Wachstum steht auf einem soliden Sockel, die Arbeitslosigkeit nimmt stetig ab, und ein Aufflammen der Inflation ist auch nicht zu befürchten. Zum einen schieben markante Produktivitätsfortschritte die Kapazitätsgrenze nach oben, zum andern weiss man in Notenbank-Chef Alan Greenspan einen aufmerksamen Beobachter und konseqünten Inflationsbekämpfer. Hinzu kommt, dass an der Budget-Front namhafte Verbesserungen nicht zu leugnen sind, die doch das Vertraün in die US-Regierung stärken müssten.

Doch gerade in diesem Punkt scheiden sich die Geister: Wohl dürfte das Haushaltsdefizit in den Jahren 1995 und 1996 dank politischer Kraftakte unter die Marke von 200 Mrd Dollar fallen, nachdem 1992 das rekordhohe Minus von 290 Mrd Dollar registriert worden war. Doch für die ersten Jahre des nächsten Jahrhunderts werden als Folge demographischer Verschiebungen wiederum höhere Fehlbeträge vorausgesagt, zum Beispiel 385 Mrd Dollar fürs Jahr 2004. "Finanzmärkte bringen zukünftige Probleme in die Gegenwart", begründet Greenspan die gegenwärtige Unruhe an den Finanz- und Kapitalmärkten. Das ist nur die eine Seite des Problems.

Das andere Problem liegt im fernöstlichen Inselreich. Man mag sich über das Paradoxon wundern: Erstarkende US-Wirtschaft und kranke US-Valuta auf der einen, schwache japanische Wirtschaft und starker Yen auf der anderen Seite. Noch stärker als alles andere wiegt in diesem Falle das Aussenhandelsungleichgewicht. Die Japaner liegen dieses Jahr um 130 Mrd Dollar im Plus, die Amerikaner mit 130 Mrd Dollar im Minus. Zugegeben: Dieses Missverhältnis ist nicht neu. Neu ist indessen, dass keine anderen Faktoren für Gegensteür sorgen und dem Dollar Auftrieb zu geben vermögen. Aufgrund der zyklischen Position scheint beim Greenback die Luft draussen zu sein, denn die Neuigkeit über den Wirtschaftsaufschwung schmeckt wie Kaffee von gestern.

Auch an der Zinsfront ist vorderhand keine Dollarunterstützung auszumachen. Das Fed steht nicht im Ruf, dem Dollar eine hohe Priorität einzuräumen. Sind die Wachstumsziele erreicht und die Preisschübe unter Kontrolle, wird Alan Greenspan wohl kaum die Zinsen anheben, um "seine" Valuta attraktiver zu machen. Die Frage ist nur, ob Greenspan bei der ihm nachgesagten Feineinstellung der Wirtschaft eine weitere Zinssatzanpassung für opportun erachtet. Eine nicht gerade leichte Frage bei einem Buch mit sieben Siegeln.

Nicht selten sind die Währungskorrelationen als Folge heftiger Spekulationen ausser Kontrolle geraten. In solchen Fällen täte eine kraftvolle, koordinierte Aktion der führenden Staaten not. Allerdings sind die Massnahmen anspruchs-voller geworden. Halbherzige Dollarkäufe von 5 Mrd Dollar, so wie man das vor ein paar Wochen gesehen hat, bewirken bei einem täglichen Handelsvolumen von über einer Trillion Dollar eher das Gegenteil. Solche Interventionen müssten mit entsprechenden Anpassungen an der Zinsfront gekoppelt sein. Dass nun Clinton plötzlich die Meinung vertritt, eine Marktberuhigung werde von alleine stattfinden, gründet weniger auf einer tiefen überzeugung des Laissez-faire, als auf dem Versuch, sich von jeglicher Verantwortung wegzustehlen.

Mindestens ebenso wichtig wie allfällige Aktionen wäre ein klarer, konsequenter und konsistenter Wirtschaftskurs. Wenn sich Worte und Taten widersprechen, wie das in letzter Zeit eher die Regel als die Ausnahme war, so stehen die Finanzmärkte Kopf. Deshalb wünscht man sich in Präsident Clinton einen beissenden Dobermann, der im entscheidenden Moment zupackt, statt einen zottigen Neufundländer, der zwar stattlich aussieht, sich aber bloss durch Liebenswürdigkeit und Treue auszeichnet. Aber eben: Solche Wünsche hört man nicht nur in der Finanzwelt. Man hört sie auch zum Thema Bosnien und Haiti - in diesen beiden Fällen um einiges intensiver.

Erschienen in der Handelszeitung am 21. Jui 1994

 

Claude Chatelain