Soll ich jetzt Aktien kaufen?

Die Börsenkurse sind so hoch wie nie. Die Banker reiben sich die Hände und werben für den Aktienkauf. Ist blöd, wer sein Sparschwein nicht schlachtet? Blick-Geldberater Claude Chatelain beantwortet wichtige Fragen und sagt, wie jeder am besten profitiert.

1. Die Bank zahlt mir für meine 90000 Franken kaum noch Zins. Wie kann ich vom Aktienboom profitieren?

«Haben Sie schon an die Pensionskasse gedacht? Viele Leute haben noch Lücken. Dabei ist die PK das beste Sparbuch: Der Zins beträgt in den meisten Fällen 2,5 Prozent - steuerfrei. Die Einzahlungen können voll vom steuerbaren Einkommen in Abzug gebracht werden und häufig - je nach Typ - erhöhen Sie mit jedem zusätzlichen Einkauf den Risikoschutz gegen Tod und Invalidität. Merke: Wenn die Börsen boomen, profitiert auch die Pensionskasse.»

 

2. Ich möchte mit einem Fondsparplan in den Aktienmarkt steigen. Welchen Fonds empfehlen Sie?

«Mit einem globalen Aktienfonds erzielen Sie die beste Streuung. Zu empfehlen ist etwa der "Postsoleil Monde". Bei Postfinance zahlen Sie keine Depotgebühr und die Ausgabekommission beträgt - unter gewissen Voraussetzungen -bloss 0,75 Prozent.»

 

3. Ich habe auf dem Sparkonto 75000 Franken, die ich gewinnbringend anlegen möchte. Soll ich jetzt auch Aktien kaufen? Oder wäre das völlig falsch?

«Falsch ist es nicht, sofern Sie sich an gewisse Regeln halten. Investieren Sie zeitlich gestaffelt, also jeden Monat oder jedes Quartal ein paar hundert Franken. Kaufen Sie nicht einzelne Aktien, sondern Anteile eines Aktienfonds. Anlegefonds bestehen aus einer Vielzahl von Wertschriften.»

 

4. Ich bin es leid, mich mit den erbärmlichen Zinssätzen abspeisen zu lassen, während meine Kollegen täglich mit ihren Börsengewinnen protzen. Was raten Sie?

«Die Zinssätze sind schon seit vielen Jahren sehr tief. Und doch kommen Sie erst heute auf die Idee, Aktien zu kaufen. Für Leute, die noch nie Aktien besassen, ist der heutige Zeitpunkt denkbar schlecht, um erste Erfahrungen zu sammeln. Warten Sie, bis die Kurse wieder sinken oder starten Sie bescheiden mit einem Fondssparplan.»

 

5. Seit vier Jahren zahle ich jeden Monat 200 Franken in einen Fondssparplan. Was raten Sie? Soll ich angesichts der rekordhohen Aktienkurse den Plan einstellen?

«Nein. Sie wollen ja eben nicht auf Kursschwankungen spekulieren. "Gring abe und seckle" - das Erfolgsgeheimnis der Mittelstreckenläuferin Anita Weyermann sollte auch Ihr Motto fürs Fondssparen sein: Bei steigenden Kursen profitieren Sie vom Wertzuwachs Ihrer Anteile. Bei sinkenden Kursen erhalten Sie für Ihren monatlichen Sparbatzen immer mehr Fondsanteile gutgeschrieben.»

 

6. Ich habe 40000 Franken auf dem Konto. Welchen Anlagefonds können Sie mir empfehlen, wenn ich das Geld in fünf Jahren brauche?

«Keinen. Ich empfehle Ihnen Kassenobligationen. Für eine fünfjährige Kassenobligation erhalten Sie derzeit einen Jahreszins von 2,5 Prozent. Und vor allem erhalten Sie nach fünf Jahren den Nennwert zurück, was man Ihnen bei Anlagefonds nicht garantieren kann.»

 

7. Was denken Sie, wird der Swiss Market Index SMI Ende 2007 über oder unter dem Stand von Ende 2006 liegen?

«Ich schätze, er wird über dem Stand von Ende 2006 liegen. Wenn Sie jetzt Ihren Anlageentscheid von meiner Einschätzung abhängig machen, so machen Sie einen Fehler: Ich habe nämlich keine Ahnung, wie sich die Börse weiterentwickeln wird.»

 

8. Ich habe Ciba-, Nestlé-, Novartis-, UBS- und Swisscom-Aktien. Welche würden Sie verkaufen und welche halten?

«Ich würde all diese Aktien verkaufen und mit dem Erlös Anteile des XMTCH on SMI kaufen. Dies ist ein an der Börse gehandelter, daher günstiger Aktienfonds, der eins zu eins den SMI abbildet. Fürs gleiche Geld erhalten Sie mehr Aktien, Sie streuen Ihr Risiko besser und trotzdem legen Sie ein Schwergewicht auf die grössten fünf Schweizer Konzerne, die den SMI dominieren.»

 

9. Ich habe im Wertschriftenportefeuille Aktien im Gesamtwert von 300000 Franken. Soll ich sie verkaufen?

«Verkaufen Sie die Hälfte davon. Legen Sie den Erlös aufs Sparkonto und warten Sie auf die nächste Baisse. Wenn die Kurse weiter steigen, freuen Sie sich, nicht alles verkauft zu haben. Und sollten die Kurse fallen, freuen Sie sich, zumindest einen Teil verkauft zu haben. Es ist wie mit dem halbvollen und dem halbleeren Glas.»

 

10. Ein Freund hat mir geraten, ein strukturiertes Produkt zu kaufen. Können Sie mir erklären, was das ist?

«Es gibt die unterschiedlichsten Typen und alle sind sie sehr kompliziert (siehe rechts). Halten Sie sich an die Bauernregel: "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht".»

 

11. Der Bankberater hat mir ein strukturiertes Produkt mit einer hundertprozentigen Kapitalgarantie empfohlen. Zudem besteht die Aussicht auf einen Jahreszins bis 4 Prozent.

«Auf dem Sparkonto haben Sie auch eine Kapitalgarantie. Und je nach Typ gib es sogar noch etwas Zins. Dass Sie mit dem Derivat 4 Prozent erhalten, bezweifle ich. Aufgepasst: Die Kapitalgarantie bezieht sich nur auf den Nennwert. Häufig liegt jedoch der Ausgabekurs zum Beginn der Laufzeit schon darüber, so dass Sie bei Vertragsablauf unter Umständen weniger bekommen als Sie bezahlt haben. Wenn Sie früher verkaufen, dann verrechnet Ihnen die Bank oft einen Abschlag zum aktuellen Wert.»

 

12. Gibt es keine Spezialfälle, wo strukturierte Produkte zu empfehlen sind?

«Wer mit einem gewissen Kapitalschutz besser schläft, kann ein strukturiertes Anlageprodukt kaufen. Das Wohlbefinden ist schliesslich wichtiger als die Rendite. Doch darf man keine Wunder erwarten. Strukturierte Produkte sind teuer. Und die versteckten Kosten schmälern die Rendite. Interessant sind die Produkte vor allem für die Banken.»

 

Erschienen im BLICK am 5. Februar 2007

Claude Chatelain