Von fliegenden Köchen und putzenden Chalet-Girls

Hier steigen viele Inder ab: Das Interlakner Hotel Harder Minerva. Um das Essen kümmert sich zuweilen ein eingeflogener Koch.
Hier steigen viele Inder ab: Das Interlakner Hotel Harder Minerva. Um das Essen kümmert sich zuweilen ein eingeflogener Koch.

Im Kanton Wallis ist es nicht unüblich, dass ausländische Reiseveranstalter billige Arbeitskräfte einfliegen lassen, die fürs Wohl ihrer Gäste sorgen. In Interlaken ist ein ähnlicher Fall bekannt.

Je höher der gesetzliche oder sozialpartnerschaftlich ausgehandelte Mindestlohn, desto grösser der Anreiz, solche Regelungen zu umgehen. Wie das etwa gehen könnte, zeigt das Hotel Harder Minerva in Interlaken. Der langjährige Eigentümer René Bettoli hat die Aktien seines 50-Betten-Hotels an einen indischen Investor verkauft. Dieser füllt das Hotel unter anderem mit indischen Reisegruppen. So weit, so gut. Doch in der Gruppe befindet sich auch ein Koch, der in der Hotelküche für das Wohl der indischen Gäste sorgt.

 

Ursprünglich hiess es, René Bettoli würde bis Ende Jahr noch die Geschäfte des Hotels führen. Doch der ehemalige Gemeinderat von Interlaken ist vorzeitig ausgestiegen. Über die Gründe seines Ausscheidens äussert er sich nicht. «Kein Kommentar», sagt er am Telefon. Nun soll Jutta von Allmen vom Hotel Schönegg in Goldswil das Management übernommen haben, wie es beim Zweisternhotel Harder Minerva heisst. Auch sie gibt sich wortkarg und erteilt am Telefon keine Auskunft.

 

Ortsübliche Bedingungen

 

«Wenn ein Koch aus Indien die indische Reisegruppe in einem Schweizer Hotel bekocht, so muss dies nach ortsüblichen Anstellungsbedingungen erfolgen», erklärt Beat Zutter vom Beco, dem Amt für Berner Wirtschaft innerhalb der Volkswirtschaftsdirektion. Im Kanton Bern habe im letzten Jahr ein Hotel sogenannte «Flying Cooks» eingestellt – dies aber mit einer Bewilligung des Amts für Migration und nach Prüfung der beruflichen Qualifikationen, gestützt auf den Gesamtarbeitsvertrag.

 

Andere Gesetze im Wallis

 

Im Kanton Wallis scheint es dagegen gang und gäbe zu sein, dass ausländische Reisegruppen die ganze Brigade inklusive Putzpersonal mitbringen. Dort spricht man nicht von «Flying Cooks», sondern von «Chalet-Girls». Im Protokoll der GV des Zermatter Hoteliervereins vom 16. April 2013 steht wörtlich: «Es gibt eine neue Entwicklung, dass immer mehr Chalets in Mini-Pseudohotels umgewandelt werden. (…) Die Chalet-Girls, welche von ausländischen Firmen angestellt werden, unterstehen dank ei-ner kantonalen Sonderregelung nicht dem L-GAV und arbeiten teilweise für sehr tiefe Löhne. Diese Sonderregelung ist sicherlich veraltet, und es sollten für alle die gleichen Rahmenbedingungen herrschen.»

 

Bei den Chalet-Girls handelt es sich meist um junge Engländerinnen, die im Auftrag englischer Reiseveranstalter in Ferienwohnungen einen hotelähnlichen Service anbieten. «Diese Frauen arbeiten für 290 Franken pro Woche, bezahlen keine Quellensteuer und sind schlecht versichert», erklärt Franz Schwegler, Präsident des Hoteliervereins Zermatt.

 

Dem GAV unterstellt?

 

Für Hotelleriesuisse wie auch für die Gewerkschaft Unia ist klar, dass auch aus dem Ausland entsandte Mitarbeiter gemäss den Vorgaben des GAV anzustellen sind. Doch gemäss dem «Walliser Boten» vertritt die Walliser Behörde den Standpunkt, dass der L-GAV für Arbeitnehmer ausländischer Unternehmen nicht anwendbar sei, sofern sie nur «eigene Feriengäste» betreuten. In diesem Sinne hätten sich Vertreter der Behörde gegenüber Hoteliers geäussert, bestätigt Franz Schwegler.

 

Gaby Nanzer von der Walliser Informationsabteilung will dies nicht bestätigen. «Es ist Aufgabe und liegt in der Verantwortung der jeweils zuständigen paritätischen Kommissionen, zu entscheiden, ob eine Tätigkeit unter den Anwendungsbereich eines allgemein verbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrages fällt oder nicht, und nicht diejenige des Staates», erklärt sie. Massgebend seien nicht nur die Bedingungen des Arbeitsvertrages, sondern auch die vor Ort tatsächlich ausgeführte Arbeit. «Die zuständigen kantonalen Stellen ihrerseits sind zwischenzeitlich bei der paritätischen Aufsichtskommission vorstellig geworden», so die Sprecherin. Der Zermatter Hotelierverein hat seinerseits beim Kanton eine Beschwerde eingereicht. Sie ist noch hängig.

 

Erschienen in der BZ am 3. August 2013

Claude Chatelain