Vierte Säule: Postfinance ist eine AG - ob das gut kommt?

Seit gut einem Monat ist Postfinance juristisch nicht mehr eine Abteilung der Schweizerischen Post, sondern eine eigenständige Aktiengesellschaft. Obschon die AG weiterhin der Post gehört, befürchte ich, dass sie mehr und mehr die schlechten Manieren der Banken übernehmen könnte. Ich denke an zwei Punkte: das Fondsangebot und die Gebührenstruktur.

 

Zum Fondsangebot: Über 4000 Anlagefonds sind in der Schweiz zum Vertrieb zugelassen. Häufig handelt es sich um «Me too»-Produkte. Denn viele Banken kreieren nur deshalb eigene Anlagefonds, weil sie damit mehr Geld verdienen, als wenn sie Produkte der Konkurrenz verkaufen.

Anders Postfinance: Sie hat zwar eigene Strategiefonds und zwei eigene Aktienfonds: den «Global» und den «Swiss». Daneben führt sie jedoch 30 verschiedene Aktien- und Obligationenfonds der unterschiedlichsten Fondsgesellschaften im Angebot. Die Namen der Anbieter liest sich wie das Who’s who der Fondsbranche: Aberdeen, Allianz, BGF, Credit Suisse, DWS, Fidelity, JPMorgan, Pictet, Sarasin, Swisscanto, Schroder, Templeton, UBS. Alle sind sie mit einem oder mehreren Fonds vertreten. Postfinance wählt jeweils den Besten pro Kategorie aus. Und wenn einmal ein Produkt die Erwartungen nicht erfüllt, so wird es durch ein anderes ersetzt.

Zu den Gebühren: Die Banken verlangen Gebühren, wo sie nur können. So unter anderem auch eine Depotgebühr, die gerade in Baisse-Perioden besonders schmerzhaft ist.

Anders Postfinance: Sie verlangt weder für die Anlagefonds noch für die auf der Handelsplattform E-Trading gehandelten Aktien und Obligationen eine Depotgebühr. Und die Courtage ist ebenfalls tiefer als bei den meisten Banken.

Nun aber ist Postfinance eine AG und hat einen eigenen Verwaltungsrat, in welchem auch erprobte Banker Einsitz nehmen. Ein Trost bleibt mir: Im siebenköpfigen Verwaltungsrat sitzen vier Gelbe. Hoffentlich lassen sie sich von den drei Neuen nicht das Bankgeschäft erklären. Postfinance hat in den letzten Jahren vieles richtig gemacht.

 

Erschienen in der BZ am 23. Juli 2013

Claude Chatelain