Vierte Säule: Zum Problem der tiefen Zinsen

Wer hätte Anfang Jahr gedacht, dass der Swiss-Market-Index (SMI) bis zur Jahreshälfte um 17 Prozent zulegt – und der Frankfurter DAX um 8 Prozent, der Dow Jones um 18 und der japanische Nikkei 225 sogar um 40 Prozent.

Dabei hat sich doch die geopolitische und weltwirtschaftliche Situation seit Anfang Jahr kaum verbessert: Die Probleme der Länder Südeuropas harren immer noch einer Lösung, die strukturellen Mängel der Eurozone sind nicht gelöst, und die Schuldenberge sind auch nicht kleiner geworden. Dennoch gibt es für den Börsenboom eine simple Erklärung: Seit bald sechs Jahren buttern die Notenbanken von Washington über London, Frankfurt bis Tokio wie wahnsinnig Liquidität in den Geldkreislauf. Sie taten dies, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten. Doch ein grosser Teil dieses Geldes floss in den Aktienmarkt. Mit der steigenden Nachfrage stiegen auch die Kurse.

 

Umgekehrt wissen wir aus der Volkswirtschaftslehre, dass bei steigendem Angebot der Preis sinkt. Das gilt nicht nur für Güter; das gilt auch für den Geldmarkt. Der Preis des Geldes ist der Zins. Deshalb sind die Zinsen gegen null und zum Teil sogar unter null gefallen, nachdem die Notenbanken die globale Wirtschaft mit Geld überfluteten. Die Risiken dieser Nullzinspolitik hat Avenir Suisse letzte Woche in einem Diskussionspapier aufgezeigt: «Die Zinsen haben ihre Signalfunktion verloren», warnt die Denkfabrik. Ohne diese Signalfunktion könnten die Risiken nicht mehr richtig eingeschätzt werden. Denn die Höhe der Aktienkurse ist nicht nur von den erwarteten Unternehmensgewinnen, sondern auch vom Zinsniveau abhängig. Laut Avenir Suisse setzen die tiefen Zinsen und die Fehlbeurteilung der Risiken eine Jagd nach höheren Renditen und damit eine höhere Risikobereitschaft in Gang.

 

Was lehrt uns die Erfahrung, wenn die Anleger einen ungestillten Hunger nach Risiko entwickeln und die Aktienkurse in immer höhere Sphären treiben? Nein, ich sage keinen Crash voraus. Ich will Sie nur gewarnt haben.   

 

Erschienen in der BZ am 16. Juli 2013

Claude Chatelain