Mit 3400 Franken Lohn bleibt noch Geld fürs Sparen

Viele Gastarbeiter würden auch zu einem tieferen Lohn arbeiten, wenn sie nur eine Stelle fänden.
Viele Gastarbeiter würden auch zu einem tieferen Lohn arbeiten, wenn sie nur eine Stelle fänden.

Sollte die Mindestlohninitiative der Gewerkschaften angenommen werden, würde das Gastgewerbe besonders darunter leiden. Hoteliers finden, der heutige Mindestlohn im Gastgewerbe sei hoch genug.

3400 Franken beträgt seit Anfang 2012 der minimale Monatslohn im Hotel- und Gastgewerbe. Zusätzlich gibt es auch noch einen 13. Monatslohn. Auf zwölf Monate berechnet, resultiert daraus ein Monatseinkommen von 3683 Franken brutto. Das haben die Sozialpartner in mehrjährigen Verhandlungen erreicht. Ein Familienvater wird mit diesem Lohn kaum durchkommen und allenfalls auf Sozialhilfe angewiesen sein. Doch für viele ausländische Arbeitskräfte sind besagte 13-mal 3400 Franken immer noch eine stolze Entlöhnung. Sie können mit diesem Geld nicht nur ordentlich leben; sie können auch noch tüchtig auf die Seite tun und Geld in die Heimat schicken. Noch besser erginge es ihnen, wenn das Schweizervolk die Mindestlohninitiative annehmen sollte, welche im Januar vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund eingereicht wurde. Danach soll jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer einen Mindeststundenlohn von 22 Franken erhalten. Bei einer 42-Stunden-Woche entspricht das einem Monatslohn von 4000 Franken – ohne 13. Monatslohn. Gegenüber den 3683 Franken inklusive 13. Monatslohn im Gastgewerbe entspräche das einer Lohnsteigerung von 8,6 Prozent.

Mehr als 4000 pro Monat

 

Wie so oft liegt der Teufel auch hier im Detail. Die Lohnsteigerung wäre laut Marc Kaufmann von Hotelleriesuisse wesentlich höher. Gemäss dem Gesamtarbeitsvertrag im Gastgewerbe kennen Kleinbetriebe eine maximale wöchentliche Arbeitszeit von 45 Stunden, Saisonbetriebe 43,5 Stunden. Werden diese Stundenzahlen mit 22 Franken plus Ferien- und Feiertagsentschädigung multipliziert, ergibt das Monatslöhne von deutlich über 4000 Franken, rechnet Marc Kaufmann vor. Doch mit einer Anpassung der Mindestlöhne wäre es eh nicht getan: «Wenn wir einem ungelernten Casserolier 4000 Franken bezahlen, müssen wir einem gelernten Koch mehr als 4100 Franken zahlen. Dann müssten wir das ganze Lohnniveau anheben», meint Bernard Müller, Inhaber des Hotel Bären in Wilderswil. «Für manchen Gastgewerbebetrieb wäre das der Genickschuss.» Erich Reuteler vom City Hotel Oberland in Interlaken: «Wenn diese Initiative durchkäme, würden der Produktivitätsdruck und der Stressfaktor steigen und etliche Gastgewerbebetriebe müssten wohl dichtmachen.» So oder so stellt Reuteler bei seinen ungelernten Mitarbeitern keine Unzufriedenheit fest.

 

Viele Doppelverdiener

 

Diese Beobachtung machen auch andere Gastronomiebetriebe: Etliche ausländische Mitarbeiter scheinen jedenfalls mit dem heutigen Mindestlohn mehr als zufrieden zu sein: «Viele der portugiesischen Angestellten sind Doppelverdiener», weiss Jost Troxler vom Goldenen Schlüssel in Bern. Häufig arbeite die Frau in der ersten und der Mann in der zweiten Tageshälfte, sodass sie sich die Kinderbetreuung aufteilen könnten. Seine Mitarbeiter portugiesischer Herkunft hätten Verwandte und Bekannte, die gerne zu einem tieferen Lohn als dem geltenden Mindestlohn arbeiten kämen. Das bestätigt auch ein Zimmermädchen im Goldenen Schlüssel: «Ich würde in Portugal mit dem gleichen Job 700 Euro verdienen», bemerkt sie. Wohl ist das Preis- und Lohnniveau in der Schweiz höher als in Portugal, aber kaum fünfmal höher.

 

2157 Franken netto

 

Zudem haben die Hotelangestellten auch andere Vergünstigungen. Wenn sie im Hotel Frühstück, Mittag- und Nachtessen einnehmen, wird ihnen dafür pro Tag 22 Franken in Abzug gebracht. Bernard Müller vom Bären Wilderswil rechnet vor: Ein ausländischer, ungelernter Angestellter erhält monatlich nach Abzug der Sozialversicherungen und nach Abzug für Kost und Logis 2157 Franken. Vielsagend ist schliesslich der Umstand, dass die Gewerkschaft Unia, welche mehrheitlich im Besitz des Stadtberner Hotels Bern und des Thuner Hotels Freienhof ist, selber Monatslöhne von unter 4000 Franken bezahlt, wie der «Tages-Anzeiger» Anfang Mai schrieb. Philipp Näpflin, Direktor im Hotel Bern, schätzt die Anzahl Mitarbeiter mit einem Monatslohn von unter 4000 Franken auf 20 Prozent. Pikantes Detail: Es war im Hotel Bern, wo die Verantwortlichen des Gewerkschaftsbundes Ende April für ihre Mindestlohninitiative warben und gegen jene Branchen zu Felde zogen, die ihrem Personal weniger als 4000 Franken pro Monat bezahlen.

 

 

99 000 erhalten weniger als 4000

Würde heute abgestimmt, wären 76 Prozent der Stimmberechtigten für die Mindestlohninitiative. Das lässt aufhorchen. Deshalb widmete sich kürzlich auch die UBS diesem Thema. «Gemäss unseren Berechnungen müssten im Gastgewerbe und im Tourismus bei rund 45 Prozent der Beschäftigten die Löhne angehoben werden», so die UBS. 99000 der Beschäftigten im Gastgewerbe kriegten weniger als 4000 Franken pro Monat. Wobei die UBS nur von jenen spricht,

deren Gehalt aus gesetzlichen Gründen erhöht werden müsste. Nicht mitgezählt sind jene mit einem Lehrabschluss, die heute mehr als 4000 Franken verdienen, deren Gehalt aber aufgrund des angestiegenen Lohnniveaus angehoben werden müsste. Mit einem Mindestlohn von 4000 Franken wäre die Schweiz einsame Spitze (siehe Grafik).

 

Erschienen in der BZ am 11. Juli 2013


Claude Chatelain