Seitwärts statt vorwärts

Swiss Market Index
Swiss Market Index

Kaum jemand hatte Anfang Jahr ein derartiges Kursfeuerwerk prophezeit, wie es in den ersten Monaten des Jahres eingetreten ist. Inzwischen haben die Kurse wieder nachgelassen. Doch die Avancen sind immer noch beträchtlich.

Die New Yorker Börse boomt; doch realwirtschaftlich geht es den Vereinigten Staaten nicht sonderlich gut. In der Sprache der Börsianer: Zwischen Wallstreet und Mainstreet klafft eine Lücke. Das sagte kürzlich Nouriel Roubini am Swiss Economic Forum in Interlaken. Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter mit iranischen Wurzeln hat für diese unterschiedliche Entwicklung eine ganz einfache Erklärung: Liquidität. Zur Bekämpfung einer Rezession pumpen die Notenbanken extrem viel Liquidität in die Geldströme. Dieses will angelegt sein. Und da Obligationen kaum mehr Zinsen abwerfen und die Immobilien relativ teuer sind, flüchten die Investoren in Aktien, resümiert der renommierte Ökonom, der einen grossen Teil seiner Kindheit in Italien verbrachte.

 

Blase oder keine Blase?


Das riecht ganz penetrant nach einer Blasenbildung. Wobei man auf den Finanzmärkten Blasen immer erst dann erkennt, wenn sie geplatzt sind. Nouriel Roubini sieht derzeit noch keine Blase. Nur wenn der Liquiditätszufluss anhalten und die Aktienkurse weiter steigen sollten, könnte sich in zwei bis drei Jahren eine Blase bilden, warnte der 55-Jährige in Interlaken.

 

Der Geldhahn wird zugedreht


Genau diese Liquiditätszufuhr scheint ins Stocken zu geraten. Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank, kündigte vor einem Monat an, den Geldhahn in nicht allzu ferner Zukunft zuzudrehen – prompt fielen die Kurse. Der japanische Börsenindex Nikkei-225 sackte in wenigen Handelstagen über 20 Prozent in die Tiefe. Letzte Woche präzisierte Ben Bernanke sein Ansinnen und sagte, dass er die expansive Geldversorgung bereits ab dem Herbst langsam zurückfahren will. Doch trotz dieser Ankündigungen und der darauf folgenden Kurskorrekturen liegen die meistbeachteten Börsenbarometer seit Anfang Jahr immer noch deutlich im Plus: der Swiss Market Index (SMI) um 8,8, der Dow Jones um 12,5 Prozent. Und der Nikkei-Index, der wie gesagt die grösste Einbusse erlitt, liegt immer noch um 28 Prozent höher als Anfang Jahr. Mit solchen Kursanstiegen hatte vor sechs Monaten kaum jemand gerechnet. Es ist daher nicht überraschend, dass viele Banker in der zweiten Jahreshälfte mit einer Seitwärtsbewegung rechnen. «Seitwärts statt vorwärts», sagt Andreas Moser von der Raiffeisenbank Kiesental.

 

 

 

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Beat Wittmann, Bereichsleiter Anlagekunden:

Wir sind im ersten Halbjahr 2013 mit unserer Ausrichtung auf dividendenstarke Aktien erstklassiger Unternehmen sehr gut gefahren und halten an dieser Strategie fest. Die Unsicherheit über eine allfällige Straffung der US-Geldpolitik führt zu höherer Volatilität. Der Chef der US-Notenbank erklärte kürzlich, dass die grosszügige Liquiditätsver-sorgung schrittweise bis Mitte 2014 reduziert werden kann, sofern sich Konjunktur und Arbeitsmarkt weiter verbessern. Diese Aussage dürfte die Aktienmärkte kurzfristig weiter belasten. Wir sind trotzdem der Meinung, dass der Zustand der tiefen Zinsen noch längere Zeit anhält. Die Investoren realisieren, dass sie mit festverzinslichen Anlagen mit der Perspektive höherer Inflationsraten nicht über die Runde kommen und ihre Anlagestrategie überdenken müssen. Diese Gründe sowie die graduelle Verbesserung der Weltkonjunktur sprechen dafür, bei Kursrückschlägen weiter selektiv in Aktien zu investieren.

 


 


Berner Kantonalbank

Raphael Schaad, Abteilungsleiter Private Banking Bern: Trotz positiver Konjunktur-anzeichen, insbesondere aus den USA und der Schweiz, hat sich die globale Auslastung der Wirtschaft noch nicht auf das Vorkrisenniveau erholt. Vor allem Europa hinkt, bedingt durch die Schuldenkrise, den restlichen Industrieländern weiter hinterher. Die Wachstumsraten der Schwellenländer haben sich insgesamt etwas abgeschwächt. Nach einem erfreulichen ersten Semester 2013 dürfte das weitere Aufwärtspotenzial der Aktienmärkte vorerst limitiert sein. Doch bieten die nach wie vor grosszügigen Liquiditätsmassnahmen der Zentralbanken eine relativ gute Stütze der aktuellen Kursniveaus.

 

Aufgrund der Zinssituation der Industrieländer dürften sich Anlagen in Anleihen mit längerer Laufzeit bis auf weiteres kaum mehr auszahlen. Die Wahrscheinlichkeit von Verschiebungen der Zinsniveaus nach oben ist aus unserer Sicht mit der verbesserten Konjunkturlage etwas angestiegen.

 


 


Raiffeisenbank Kiesental

Andreas Moser, Leiter Finanzberatung:

Seitwärts statt vorwärts: Vieles deutet auf eine ruppigere zweite Jahreshälfte an den Finanzmärkten hin. Mangels Alternativen zu Aktien ist aber nicht mit einem Crash zu rechnen. Europa windet sich wohl frühestens Ende 2013 aus der Rezession. Besser stehen die Chancen in den Vereinigten Staaten und in Japan, ein Durchstarten ist aber unwahrscheinlich. Dies spricht für eine vorübergehende Seitwärts-bewegung. Erst wenn wir wissen, ob und wann die Notenbanken ihre expansive Politik ändern und die Wirtschaft reagiert, sind neue Prognosen möglich. Die Schweizer Wirtschaft bleibt mit stabilem privatem Konsum und regen Bauinvestitionen wohl auf Wachstumskurs. Lichtblicke gibt es auch im Aussenhandel. Bei einem erwarteten Wachstum von gut 1,5 Prozent für 2013 und einer Inflationsrate unter null dürfen wir uns glücklich schätzen, denn weltweit verlieren die Leute an Kaufkraft, wenn sie ihr Geld bar halten. Und oftmals noch mehr, wenn sie versuchen, hohe Renditen zu erwirtschaften.

 


Daniel Schneiter, Direktor:

In einem schwierigen Umfeld mit tiefen Zinsen haben sich die Finanzmärkte im ersten Halbjahr 2013 besser entwickelt als erwartet. Für das zweite Semester 2013 erwarten wir weiterhin ein tiefes Zinsniveau. Wir rechnen bei einer leichten Korrektur des SMI bis 7400 Punkte mit einem anschliessenden Wiederanstieg auf einen Stand von 8500 Punkten. Da die Nationalbank am Euromindestkurs von 1.20 Franken festhalten will, ist der Kurs zwischen 1.20 und 1.25 gegeben. Der Dollar hat sich bei 0.93 stabilisiert. Wir erwarten in den nächsten Monaten ein Kursverhältnis von 1 zu 1.

 

Unsere empfohlenen Währungen für Obligationenanlagen sind norwegische Kronen und australischer Dollar. Der Goldpreis macht eine Korrektur nach unten, danach sind Kurse von 48 000 Franken pro Kilogramm möglich. Die Nachfrage nach Finanzierungen für Wohnobjekte ist trotz der weiterhin steigenden Immobilienpreise unverändert hoch geblieben.

 


 


Clientis Bank Oberaargau

Heinz Trösch, Direktor:

Die anhaltend tiefen Zinsen führen zu einer weiteren Reduktion der Zinsmargen in unserem Kerngeschäft – dem Zinsengeschäft. Der Zinsertrag ist im ersten Halbjahr, trotz Wachstum bei den Ausleihungen und den Kundengeldern, weiter rückläufig. Eine Zinswende im zweiten Halbjahr ist nicht auszumachen. Dadurch ist mit einer ungebrochen hohen Nachfrage nach Hypotheken zu rechnen. Der anhaltende Preisdruck und die günstigen Zinsen werden den Wettbewerb weiter aufrechterhalten.

 

Nach den überdurchschnittlich hohen Kursgewinnen an den Börsen in den ersten vier Monaten erwarten wir eine anhaltende Konsolidierung in der zweiten Jahreshälfte. Die positive Entwicklung im indifferenten Ertrag setzt sich auch in diesem Jahr fort und wird zu einem immer wichtigeren Standbein in der Ertragsrechnung. Dank straffem Kostenmanagement erwarten wir auch dieses Jahr einen guten Jahresabschluss und bleiben verhalten optimistisch für 2013.

 


 


Valiant Bank

Renato Flückiger, Leiter Investment/CIO:

Die von uns Anfang Jahr kommunizierten Einflussfaktoren:

- expansive Geldpolitik der meisten Notenbanken;

- schwache globale konjunkturelle Erholung;

- steigende Schulden in den Industriestaaten behalten ihre Gültigkeit. Nach dem starken Anstieg der Obligationen-renditen in den letzten Wochen rechnen wir auch für das zweite Halbjahr mit tendenziell höheren Zinslevels und empfehlen ein Untergewicht in der Anlageklasse. Aktien schätzen wir mittelfristig positiv ein, die Strategie der US-Notenbank prägt jedoch bestimmend mit. Die Bewertungen sind fair, das Gewinnwachstum solide, und ab dem dritten Quartal sollte das globale Wirtschaftswachstum wieder anziehen. Da sich sowohl die Finanznachfrage nach Edelmetallen als auch die Inflation zurückgebildet haben, sehen wir nur beschränktes Potenzial im Gold. Das Marktumfeld ist immer noch von Herausforderungen geprägt, und wir unterstreichen die Wichtigkeit der breiten Diversifikation der Anlagen.

 

Erschienen in der BZ am 25. Juni 2013



Claude Chatelain