Verkommt das Eidgenössische zu einem Jekami?

Der Jodlerclub Lotzwil hat gut lachen: Er qualifizierte sich in Tramelan fürs Eidgenössische in Davos. Aufgenommen wurde das Bild im Herbst 2012 anlässlich des 50-Jahr-Jubiliäums.
Der Jodlerclub Lotzwil hat gut lachen: Er qualifizierte sich in Tramelan fürs Eidgenössische in Davos. Aufgenommen wurde das Bild im Herbst 2012 anlässlich des 50-Jahr-Jubiliäums.

Wer nächstes Jahr am Eidgenössischen Jodlerfest in Davos teilnehmen möchte, muss sich dafür qualifizieren. Das passt nicht allen.

Wie die Schwinger führen auch die Jodler, Alphornbläser und  Fahnenschwinger alle drei Jahre ein «Eidgenössisches» durch. Doch während die Schwinger von ihrem Verband fürs Eidgenössische nominiert werden, müssen sich die Jodler für ihr Fest qualifizieren. Sie müssen in einem der beiden vorangehenden Jahren an einem Unterverbandsfest beim Vorsingen, Alphornblasen oder Fahnenschwingen  mit der Note 1 oder 2 bewertet werden. Wer eine 3 oder gar nur eine 4 schafft, darf am Eidgenössischen höchstens zuschauen. Das nächste findet Anfang Juli 2014 in Davos statt.


Hohe Hürden für Davos


Das Qualifikationsverfahren  führt wiederholt zu einem Unbehagen.  Zu reden in der Szene gibt das Beispiel eines Jodlerclubs aus der Nordwestschweiz. Am Unterverbandsfest in Derendingen vor zwei Wochen zog er einen schlechten Tag ein. Es gab «bloss» eine 3. Die Zimmer in Davos hatte er bereits gebucht – und jetzt kann er nicht hingehen. «Für die Mitglieder des Clubs fiel eine Welt zusammen», verrät ein Juror. Den Namen des Clubs wollen die Verantwortlichen nicht preisgeben. Er tut auch nichts zur Sache. Denn die Frage der Bewertung und Zulassungsbestimmung für das Eidgenössische wird an Delegiertenversammlungen wiederholt  thematisiert.


Gute Demokraten 


«Vor einiger Zeit wurde bei Verbandsmitgliedern eine Umfrage gemacht, ob die Jodlerfeste ohne Bewertung durchgeführt werden sollten. Das Resultat war  eindeutig. Ein grosser Teil der Mitglieder sprach sich für die Beibehaltung der Bewertung aus», erklärt Richard Huwiler, Präsident des Zentralschweizerischen Jodlerverbands. Ihm wird nachgesagt, ein Verfechter des Status quo zu sein. Auf Anfrage gibt er sich als Demokrat und erklärt, dass die Delegiertenversammlungen der Unterverbände darüber befinden müssten. Ebenso demokratisch Karin Niederberger,  Präsidentin des Eidgenössischen Jodlerverbands: «Das müssen die Mitglieder bestimmen. Wir werden das zu gegebener Zeit besprechen.» Von ihr  wird in Jodlerkreisen gesagt, dass sie für eine Aufweichung der Regeln Sympathie bekunde. Eine Einschätzung, die sie auf Anfrage bestreitet.

Stephan Haldemann.
Stephan Haldemann.

Einen klaren Standpunkt vertritt  Stephan Haldemann, Präsident des Bernisch-Kantonalen Jodlerverbands: «Ich persönlich bin dafür, dass man sich qualifizieren muss», sagt der Pfarrer von Signau. «Ich bin ein Verfechter eines hohen Niveaus.» Doch wenn die Basis etwas anderes wolle, «bin ich natürlich offen». Eine klare Meinung vertritt auch die bekannte Jodlerin Marie-Theres von Gunten aus Beatenberg. «Ich bin dafür, dass auch Jodler mit einer Note 3 ans Eidgnössische dürfen. Es sind ja nicht so viele. Und man kann  mal einen schlechten Tag erwischen», meint die Leiterin des «Oberländer Chörli Interlaken», die 2006 mit dem Goldenen Violinschlüssel ausgezeichnet wurde.


Am vergangenen Wochenende am Bernisch-Kantonalen Jodlerfest in Tramelan erzielten nur 13 Prozent der Teilnehmer eine 3 oder 4; unter den Jodlern waren es bloss 9 Prozent. 


Das liebe Geld


Die Diskussion könnte auch finanziell motiviert sein.  Zieht ein Jodlerchor einen schlechten Tag ein, könnte er es an einem anderen Unterverbandsfest versuchen. Dies ist aber immer mit Kosten verbunden. Gleichzeitig könnte der Eidgenössische Jodlerverband ein monetäres Interesse daran haben,  möglichst viele Teilnehmer am  Eidgenössischen einschreiben zu lassen.  Je mehr Teilnehmer, desto mehr Geld fliesst in die Verbandskasse.

 

Erschienen in der BZ am 21. Juni 2013

Claude Chatelain