Vierte Säule: Die Geschichte einer Gangsterbank

Eine Bankierfamilie aus der Schweiz macht illegale Geschäfte, indem sie vermögenden Kunden hilft, die Steuern zu hinterziehen. Wohlhabend zu sein, genügt nicht; sie will reich sein.

 

Doch die Hehlerei ist noch das Harmloseste. Gefährliche Mitwisser werden von der Frau des Bankiers – nennen wir sie Ottilie – um die Ecke gebracht. Ihr Mann – nennen wir ihn Frank – ist zu feige dazu. Lieber liest er Goethe oder Mörike. Poetisch könnte man das Geschäftsethos der Gangsterbank folgendermassen umreissen:

«Was wir schieben und erraffen
Was erpressen wir und schaffen
Morden, prellen und betrügen
Wuchern, stehlen, hehlen, lügen
Tun wir nur, weil wir es müssen
Möchten Gutes tun. Doch eben
Wollen wir im Wohlstand leben
Müssen wir Geschäfte machen.»

Mit der Zeit laufen die Geschäfte nicht mehr rund. Die Bank kann nicht einmal mehr ein mittleres Elektrizitätswerk finanzieren. Frank, Ottilie, der Personalchef Richard Egli, der Prokurist Emil Böckmann wie auch der Schalterbeamte Gaston Schmalz bekommen kalte Füsse und wollen abhauen.

Theaterliebhaber haben mich entlarvt. Die leicht abgeänderte Geschichte ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Geschrieben hat sie der Berner Dramatiker Friedrich Dürrenmatt. Uraufgeführt wurde die Komödie 1959 im Schauspielhaus Zürich. Sie heisst «Frank V.» und ist derzeit in den Vidmarhallen von Konzert Theater Bern zu sehen.

 

Könnte der vor 23 Jahren verstorbene Dramatiker die jüngste Entwicklung der schweizerischen Bankenszene heute in eine Komödie verpacken, käme sie kaum anders heraus. Dürrenmatt war ein Visionär.

Schauspieler des Konzerttheaters Bern bei den Proben zum Stück "Frank V." von Friedrich Dürrenmatt.
Schauspieler des Konzerttheaters Bern bei den Proben zum Stück "Frank V." von Friedrich Dürrenmatt.

Wer das Stück sehen möchte, muss sich beeilen. Am Donnerstag geht die Derniere über die Vidmar-Bühne. Wobei ich nicht gesagt haben will, dass man das Werk gesehen haben muss. Glaubt man meinem Kollegen Oliver Meier von der Kulturredaktion, so haben Sie, die das Stück nicht gesehen haben, nichts verpasst. Ich schliesse mich seiner Meinung an.

 

Erschienen in der BZ am 18. Juni 2013

Claude Chatelain