In der 2. Säule sind die Selbständigen im Nachteil

 Selbstständigerwerbende ohne Angestellte haben häufig Mühe, sich einer Pensionskasse anzuschliessen. Nicht so die Velomechaniker. Sie können sich bei der PK-Mobil versichern lassen, sofern sie Mitglied des Berufsverbands sind.
Selbstständigerwerbende ohne Angestellte haben häufig Mühe, sich einer Pensionskasse anzuschliessen. Nicht so die Velomechaniker. Sie können sich bei der PK-Mobil versichern lassen, sofern sie Mitglied des Berufsverbands sind.

Selbständigerwerbende ohne Angestellte sind in der beruflichen Vorsorge gegenüber Angestellten benachteiligt. Der Ausweg über die Säule 3a ist unbefriedigend.

In der Schweiz gibt es 642'000 Selbständigerwerbende. Das sind 13,5 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Sind diese in der beruflichen Vorsorge im Vergleich zu Angestellten besser-, gleich- oder schlechtergestellt? Diese Frage stellte sich kürzlich die Denkwerkstatt «Innovation Zweite Säule» an einem Anlass an der Uni Bern. In Artikel 113 der Bundesverfassung steht, dass die berufliche Vorsorge für Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeber obligatorisch ist. Im gleichen Verfassungsartikel steht ebenfalls, dass sich Selbstständigerwerbende freiwillig bei einer Vorsorgeeinrichtung versichern können. Doch wenn sich Selbstständige freiwillig versichern können, heisst das noch lange nicht, dass sie sich auch gut und günstig versichern können.

 

Mit oder ohne Angestellte?


Nun muss man unterscheiden, ob die selbständigerwerbende Person Angestellte entlöhnt oder nicht. Diese Unterscheidung ist in der 2. Säule zentral. Sobald man einer Arbeitskraft einen Jahresbruttolohn von mindestens 21'060 Franken zahlt, so ist diese obligatorisch bei einer Vorsorgeeinrichtung zu versichern. In diesem Fall wird man sich als Arbeitgeber ebenfalls bei der gleichen Vorsorgestiftung versichern können. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Mit Angestellten kann man sich bei einer Sammelstiftung oder einem Lebensversicherer im Rahmen des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge (BVG) versichern lassen. Ohne Angestellte kann man dies nicht. «Der Arbeitgeber kann sich bei uns versichern, auch wenn er nur eine angestellte Person bei uns versichert», bestätigt Bianca Sieber von der Asga-Pensionskasse in St. Gallen. Die gleiche Politik verfolgen laut Anfrage auch Baloise und Swiss Life. Doch ein gesetzlicher Aufnahmezwang besteht nicht.

 

Selbstständige ohne Angestellte finden hingegen bei Sammelstiftungen und Lebensversicherungen keinen Unterschlupf. Ihnen bleiben drei Möglichkeiten:

- die Auffangeinrichtung BVG, deren Preis-Leistungs-Verhältnis jedoch nicht vorteilhaft ist;

- der Berufsverband, falls ein solcher überhaupt besteht und auch BVG-Lösungen anbietet;

- die Säule 3a, die gegenüber der 2. Säule Nachteile aufweist (siehe Kasten).

 

Seit 2005 besteht für Selbstständigerwerbende auch noch die gesetzliche Möglichkeit, «sich ausschliesslich bei einer Vorsorgeeinrichtung im Bereich der weiter gehenden Vorsorge (...) zu versichern». Was dies in der Praxis bedeutet, scheint auch Experten nicht klar zu sein, wie an besagtem Anlass der «Innovation Zweite Säule» zu erkennen war. Niemand zwingt Vorsorgeeinrichtungen, Selbstständigerwerbende zu versichern.

 

Der Trick mit der Ehefrau


Der Vorsorgeberater Patrick Liebi aus Wettingen hat dazu eine Lösung parat: «Wer keine Angestellten hat, muss sich halt welche besorgen.» Häufig hilft die Ehefrau im Betrieb mit. Es reicht dabei, die Frau offiziell anzustellen und ihr einen Jahreslohn von mindestens 21'060 Franken zu bezahlen. In diesem Fall kann die Frau obligatorisch in der beruflichen Vorsorge versichert werden. Und damit kann sich der selbstständig tätige Ehemann bei der gleichen Vorsorgeeinrichtung versichern. Ob dieser Trick auch bei jeder Vorsorgeeinrichtung funktioniert, ist fraglich: «Wenn die angestellte Person ein Familienmitglied ist, bedarf es einer genaueren Prüfung», heisst es bei der Asga-Pensionskasse. Hinzu kommt, dass nicht jeder Selbstständigerwerbende auf eine Gattin zurückgreifen kann. Dem Bundesamt für Statistik ist nicht bekannt, wie viele der 642'000 Selbstständigerwerbenden alleine agieren. Es dürfte die Minderheit sein. Etliche davon – etwa Velomechaniker oder freischaffende Journalisten – können sich beim Berufsverband versichern lassen. Nochmals andere werden von der Auffangeinrichtung BVG aufgefangen, wie der Name der Stiftung treffend suggeriert. Laut Geschäftsbericht der Auffangeinrichtung waren dies 2012 gerade mal 251 Personen.

 

Und schliesslich bietet auch die Säule 3a einen Vorsorge- und Risikoschutz, wenn auch im Vergleich zur 2. Säule mit einigen Nachteilen. Claude Maillard von Swiss Life an besagter Veranstaltung: «Vorsorgerechtlich ist der Selbständigerwerbende gegenüber dem Unselbstständigerwerbenden in der 2. Säule benachteiligt».

 

 

INFOTHEK: Die Säule 3a im Vergleich zur 2. Säule

Selbstständigerwerbende haben häufig keine 2. Säule. Sie sorgen via Säule 3a vor, welche jedoch einige Nachteile aufweist:

 

Höhere Risikoprämien: Selbstständigerwerbende können bis 20 Prozent des Gewinns auf ein Konto 3a bei einer Bank oder für eine 3a-Police bei einer Versicherung zahlen, maximal 33 696 Franken im Jahr. Mit diesem Geld kann man nicht nur fürs Alter vorsorgen, sondern sich auch gegen Invalidität versichern. Man kann ein Todesfallkapital versichern, um die Hinterbliebenen abzusichern. Man kann auch eine Erwerbsunfähigkeits-

versicherung abschliessen und die Prämie im Rahmen der steuerbegünstigten Säule 3a vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen. Diese Risikoprämien sind jedoch bei 3a-Policen höher als im BVG, weil nicht der günstige Kollektivtarif, sondern der höhere Einzeltarif zur Anwendung kommt.

 

Steuerliche Einschränkungen: Bei der steuerbegünstigten Vorsorge 3a ist der maximal abzugsfähige Betrag – wie gesagt – auf 33 696 Franken begrenzt. Bei der beruflichen Vorsorge kann man hingegen Zusatzeinkäufe tätigen und steuerlich geltend machen.

 

Keine Einkäufe möglich: Freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse sind nicht nur steuerlich interessant. Mit Einkäufen erhöht sich auch die Rente. Im Rahmen der Säule 3a sind aber

freiwillige Einkäufe nicht vorgesehen. 3a-Konti oder 3a-Policen zahlen bei der Pensionierung das angesparte Kapital aus, nicht aber eine lebenslange Rente.

 

Höhere Hürden: Will man mit einer 3a-Police die Erwerbsunfähigkeit versichern, so sind Gesundheitsprüfungen zu bestehen. In der beruflichen Vorsorge sind den Gesundheitsprüfungen indessen Grenzen gesetzt. Ausserdem ist der Versicherungsschutz in der 3. Säule komplizierter als in der 2. Will man zum Beispiel die Versicherungssumme nach einer Lohnerhöhung oder aus einem anderen Grund anpassen, ist in der Säule 3a eine Vertragsänderung und unter Umständen eine neue Gesundheitsprüfung nötig. In der 2. Säule wird der versicherte Lohn bei einer Gehaltserhöhung automatisch angepasst.

 

Höhere Beiträge für die AHV: Schliesslich hat die Säule 3a auch Nachteile bezüglich der AHV-Beiträge. Die AHV ist auf dem Gewinn abzurechnen – und zwar vor der steuerbegünstigten Prämienzahlung. In der beruflichen Vorsorge wird hingegen der Arbeitgeberbeitrag als Firmenaufwand verbucht. Das heisst: Bei Selbstständigerwerbenden, die über die berufliche Vorsorge versichert sind, werden die AHV-Beiträge auf einem tieferen Gewinn berechnet.

 

Erschienen in der BZ am 18. Juni 2013


Claude Chatelain