Alle Regierungsräte, aber nur jeder vierte Jodelchor findet den Weg nach Tramelan

Der gesamte Regierungsrat erweist dem Berner Jura die Ehre.
Der gesamte Regierungsrat erweist dem Berner Jura die Ehre.

Familiäre Stimmung am Bernisch-Kantonalen Jodlerfest in Tramelan. Von den 264 Jodelchören im Kanton Bern reisten nur um die 70 in den Berner Jura.

Vertreter aus dem Kanton Jura: Reiterquadrille vom Marché Concours aus Saignelegier.
Vertreter aus dem Kanton Jura: Reiterquadrille vom Marché Concours aus Saignelegier.

In der Schweiz wird Folklore nicht nur Touristen dargeboten. «In der Schweiz wird Folklore gelebt», sagte vor zwei Wochen Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid am «Switzerland Travel Mart» in Bern. Falls diese Aussage eines Beweises bedarf, so ist er am Wochenende am Bernisch-Kantonalen Jodlerfest in Tramelan geliefert worden. Besonders eindrücklich der Festakt auf dem Fussballplatz: Daniela Aebersold vom Jodleur-Club Tramelan stimmt «D’Lüt im Dorf» von Kurt Mumenthaler an. Und es singt nicht nur der von ihr dirigierte Chor, denn all die geladenen Gäste stimmen mit ein. Bei einem so engagierten Gesang müssten die vier Geistlichen, die am Festakt eine ökumenische Kurzandacht gestalten, vor Neid erblassen – was sich von der Tribüne wegen der Distanz freilich höchstens erahnen lässt. «Singen ist wie zweimal beten», meint einer der Geistlichen. Folglich wird in Tramelan drei Tage gebetet, auch in der Nacht.

 

Die Lenker Jodlergruppe Echo vom Flösch.
Die Lenker Jodlergruppe Echo vom Flösch.

Womöglich hat auch OK-Präsidentin Chantal Bornoz gebetet, dass der Regierungsrat in corpore erscheinen wird, wie sie das im Interview mit dieser Zeitung ankündigte (Ausgabe vom Freitag). Und tatsächlich: Alle sieben erweisen dem Berner Jura die Ehre. Das liegt nicht nur am Jodeln: Im November stimmen die Bernjurassier konsultativ über die Kantonszugehörigkeit ab.

Ein Zeichen anstrengender Tage.
Ein Zeichen anstrengender Tage.

Regierungspräsident Christoph Neuhaus kreuzt entgegen der Ankündigung von Chantal Bornoz nicht im Berner Mutz, sondern im Halbleinen seines Grossvaters auf. «Wie immer, wenn es über 22 Grad ist», meint Justizdirektor Neuhaus in der Festansprache. Gelächter.

Verkehrsdirektorin Barbara Egger; Justizdirektor Christoph Neuhaus, Finanzdirektorin Beatrice Simon.
Verkehrsdirektorin Barbara Egger; Justizdirektor Christoph Neuhaus, Finanzdirektorin Beatrice Simon.

Eine stärkere Präsenz hätten die Organisatoren dagegen von Jodlern erwartet. Von den 264 Jodlerchören im Kanton Bern reisen nur um die 70 in den Berner Jura; letztes Jahr in Schwarzenburg waren es rund 130. «Es ist ein familiäres Fest», meint Verbandspräsident Stephan Haldemann. Über die Gründe der bescheidenen Präsenz spekulieren Jodler und Organisatoren. Die einen verweisen auf die periphere Lage, und andere machen finanzielle Gründe geltend. Oder liegt es etwa an der Sprache? Am Mittagessen meint ein Jodler, manchem Jodlerchor dürfte die Motivation für den Wettbewerb gefehlt haben, da er im kommenden Jahr so oder so nicht ans «Eidgenössische» nach Davos will.

 

Apropos Davos: Das Bernisch-Kantonale Jodlerfest ist nicht nur ein Fest, sondern auch ein Wettbewerb. Im Sport würde man von Qualifikationsspielen sprechen. Wer letztes Jahr in Schwarzenburg oder eben jetzt in Tramelan mit Jodeln, Fahnenschwingen oder Alphornblasen die Note 1 oder 2 bekommt, qualifiziert sich fürs alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Jodlerfest. Und dieses findet 2014 eben in Davos statt – viel teurer und viel weiter weg als Tramelan.

 

Erschienen in der BZ am 17. Juni 2013

Claude Chatelain