Warum der Wettbewerb in der Grundversicherung nicht spielt

Der Risikoausgleich zwischen den Kassen sollte dafür sorgen, dass die Krankenversicherer für gleiche Leistungen ähnlich hohe Prämien verlangen. Ein frommer Wunsch: Die Prämienunterschiede sind enorm.

Wo Wettbewerb herrscht, gleichen sich die Preise bei qualitativ identischen Produkten an. Bei der obligatorischen Krankenpflegeversicherung haben wir eine solche Situation: Die Dienstleistung ist identisch, denn Leistungskatalog und Versicherungsschutz sind gesetzlich vorgegeben. Doch trotz dem einheitlichen Angebot sind die Prämienunterschiede extrem.

 

Nehmen wir das herkömmliche Modell mit der minimalen Franchise von 300 Franken. Bei der Wincare bezahlt man in der Prämienregion eins des Kantons Bern 512.10 Franken, bei der Assura jedoch «bloss» 369.10 Franken. Bei der günstigsten Variante spart man also im Vergleich zur teuersten Monat für Monat fast 143 Franken – 1715 Franken im Jahr. Die Zahlen stammen von Priminfo, dem Prämienrechner des Bundesamtes für Gesundheit.

 

Auch wenn man eine höhere Franchise in Kauf nimmt oder ein Sparmodell des Typs HMO wählt, sind die Prämienunterschiede der Kassen für die mehr oder weniger gleiche Leistung sehr hoch (Tabelle). Noch krasser sind die Unterschiede, wenn man die Prämien der ersten mit der dritten Prämienregion vergleicht: zum Beispiel die 512.10 Franken der Wincare mit den 313.60 Franken der Supra. Klar: Unterschiedliche Wohnorte führen zu unterschiedlichen Prämien. Fraglich ist dies trotzdem, da die Leistungen der Krankenkassen an jedem Wohnort identisch sind.

 

Ungleich lange Spiesse


Die Ursache dieser grotesk anmutenden Unterschiede kann man mit einem Satz zusammenfassen: Der Wettbewerb funktioniert nicht. Er funktioniert nicht, weil die grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer keine Lust verspürt, alle Jahre zu einer günstigeren Kasse zu wechseln, obschon das mit einem geringen zeitlichen Aufwand verbunden ist. Zudem will ein grosser Teil der Versicherten die Grundversicherung und die Zusatzversicherungen beim gleichen Anbieter wissen.

 

Der Wettbewerb funktioniert auch deshalb nicht, weil die einzelnen Krankenkassen mit ungleich langen Spiessen kämpfen müssen. Die einen haben das Pech, einen überdurchschnittlichen Anteil krankheitsanfälliger Leute versichern zu müssen. Sie müssen deshalb höhere Prämien verlangen. Andere haben das Glück, vor allem gesunde Menschen zu ihren Kunden zählen zu dürfen. Sie können mit tieferen Prämien kalkulieren.

 

Eigentlich müsste der Risikoausgleich die unterschiedlich hohen Kosten der Kassen ausgleichen: Krankenkassen mit einem vorteilhaften Versichertenbestand, sogenannt guten Risiken, müssen Risikoausgleichszahlungen entrichten. Die Kassen mit vorwiegend schlechten Risiken werden sodann diese Gelder erhalten. Um die 1,5 Milliarden Franken werden auf diese Weise zwischen den Kassen jährlich umverteilt. Schlechte und gute Risiken werden nur aufgrund des Alters und des Geschlechts erfasst. Erst seit Anfang 2012 gilt als drittes Kriterium der Aufenthalt in einem Spital oder einem Pflegeheim im Vorjahr, der mindestens drei aufeinanderfolgende Nächte dauert. Die hohen Prämienunterschiede gemäss der unten stehenden Tabelle zeigen, dass der Risikoausgleich auch mit diesem dritten Kriterium unzureichend funktioniert. Deshalb sollen weitere Kriterien zur Unterscheidung der guten und der schlechten Risiken herangezogen werden, namentlich der Krankheitsfaktor, in der Fachsprache Morbiditätsfaktor genannt. Wie weit eine solche Verfeinerung zu einer Glättung der Prämienunterschiede führen wird, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand kaum abschätzen. Sicher ist einzig, dass die Krankenkassenlobby in der Vergangenheit weitere Verfeinerungen des Risikoausgleichs mit Erfolg zu bekämpfen oder zumindest deren Einführung zu verzögern wusste.  

 

 

 

 

INFOTHEK

Franchise Die Franchise bezeichnet jenen Betrag, bis zu dem ein Versicherter die Krankheitskosten selber bezahlen muss. Die ordentliche Franchise beträgt für Erwachsene 300 Franken. Möglich sind auch Franchisen von 500, 1000, 1500, 2000 und 2500 Franken. Nicht zu verwechseln mit dem Selbstbehalt.

 

Risikoausgleich Der Risikoausgleich soll die Unterschiede in der Struktur der Versichertenbestände ausgleichen. Um die 1,5 Milliarden Franken werden zwischen den Kassen jährlich umverteilt.

Selbstbehalt Auf Rechnungsbeträgen über der gewählten Franchise ist ein Selbstbehalt von 10 Prozent in Kauf zu nehmen. Der maximale Selbstbehalt beträgt 700 Franken.

 

Erschienen in der BZ am 4. Juni 2013


Claude Chatelain