Zum Dessert lädt Ogi ins Bundeshaus

So wirbt Sony in Südkorea für ihre Kamera.
So wirbt Sony in Südkorea für ihre Kamera.

Über 500 Touristiker aus der ganzen Welt weilten dieses Wochenende in Bern, dem diesjährigen Austragungsort des Switzerland Travel Mart. Ein Highlight für die Besucher war das Dessertbuffet im Bundeshaus.

Im südkoreanischen Fernsehen läuft ein Fernsehspot über das Tourismusland Schweiz. Er kostet Millionen von Franken. Das Besondere: Schweiz Tourismus zahlt keinen Rappen dafür. Die Kosten deckt der Fotokamerahersteller Sony, der den Spot auch gedreht hat. Eine schöne Koreanerin demonstriert, wie man mit der Sony-Kamera schöne Bilder schiessen kann. Und schöne Bilder schiesst man offenbar in der Schweiz. Die Koreanerin knipst Bilder vom Matterhorn, von der Berner Altstadt und von Alphornbläsern. Müsste Schweiz Tourismus einen TV-Spot kreieren, er käme kaum anders heraus.

 

So schöne Eindrücke kann man derzeit wetterbedingt nicht einfangen. Das ist ärgerlich, denn am Wochenende war Bern Gastgeber des alle zwei Jahre stattfindenden Switzerland Travel Mart. Eine Fachmesse, bei welcher über 500 Einkäufer aus der ganzen Welt mit 380 touristischen Anbietern aus der Schweiz Kontakte knüpfen und Verträge abschliessen. Nordamerika stellt mit 47 Teilnehmern die grösste Delegation; auf Rang zwei folgt bereits China mit 41 Besuchern. Bei derart prominenten Gästen will sich eine Tourismusdestination im besten Licht präsentieren. Doch ausgerechnet jetzt zeigt sich die Bundesstadt mit der aufgerissenen Marktgasse von ihrer hässlichen Seite. Berns Tourismusdirektor Markus Lergier winkt ab. «In Städten wird gebaut. Das wissen Touristiker. Alles eine Frage der Einstellung. Die Marktgasse ist die schönste Baustelle der Schweiz. Und überhaupt: Die untere Altstadt ist von der Bauerei nicht betroffen.»

Das sind nicht Touristen. Das sind Touristiker.
Das sind nicht Touristen. Das sind Touristiker.

Den internationalen Entscheidungsträgern ist die Marktgasse egal. Bleibend wird ihnen das «Get-together» vom Freitagabend auf dem Bundesplatz sein, wo sie Alt-Bundespräsident Adolf Ogi in seiner bewährten Art begrüsst. «Wow», sagen die Chinesen. Und dann lädt «the former President of Switzerland» die illustre Schar ins Parlamentsgebäude zum Desserbuffet.

 

In der Ausstellungshalle der Bernexpo sucht man den Stand Berner Oberland vergebens: Bei starken Einzelmarken – im Fachjargon: Monomarken – sei eine Dachmarke wie Berner Oberland von untergeordneter Bedeutung, verteidigt sich Urs Kessler, CEO der Jungfraubahnen. Zudem sei die Marke Berner Oberland und Bernese Oberland vor allem in Deutschland, den Niederlanden und England etabliert, weniger jedoch in Übersee. Stefan Otz ist gleicher Meinung: «Die Marken Interlaken und Jungfrau sind wichtiger und auf dem internationalen Markt bekannter als Berner Oberland», sagt der CEO von Interlaken Tourismus. «Wir können nicht drei Marken kommunizieren.» Es sind dies Expertenmeinungen, die nicht von allen geteilt werden und vor allem nicht allen gefallen. Und schon muss Otz an den nächsten Termin: Ein Mann aus Brasilien wartet an seinem Stand.

 

«Der Amerikaner kennt Gimmelwald», erklärte Alex Herrmann am 8. Dezember 2011 in dieser Zeitung. Eine Aussage, die der Chef der New Yorker Niederlassung an der Bernexpo mit Nachdruck bekräftigt und dem Journalisten als lebenden Beweis Robyn Stencil vorstellt. «Oh yes», Gimmelwald sei bekannter als Mürren oder Wengen, sagt die Mitarbeiterin von Rick Steves Europe, einem der zehn grössten Reiseveranstalter Nordamerikas mit Destination Schweiz. Rick Steves ist Autor von Reisebüchern und Inhaber des gleichnamigen Reiseveranstalters. Er machte Gimmelwald vor rund zehn Jahren in den USA bekannt. Nun möchte Alex Herrmann, dass Rick Steves auch das Tessin ins Reiseprogramm aufnimmt. Er stellt den Tessinern Robyn Stencil vor.

 

Kennt man Gstaad eigentlich auch in Polen? Ja klar, vor allem seit Polanski», erklärt beim Apéro Krystyna Nurczyk vom polnischen Radio. Als der weltberühmte Filmregisseur im ersten Halbjahr 2010 in seinem Gstaader Chalet unter Hausarrest stand, war Gstaad in den polnischen Medien omnipräsent, erzählt die Journalistin. Jürg Schmid von Schweiz Tourismus hält augenzwinkernd nichts von der Marketingstrategie, prominente Leute vermehrt unter Hausarrest zu stellen. Er setzt auf konventionelle Methoden – und auf wachsende Märkte. «China ist der mit Abstand grösste Wachstumsmarkt», sagt Schmid. 2013 geben Chinesen auf Reisen im Ausland 59,4 Milliarden Dollar aus. 2017 sollen es bereits 100,5 Milliarden sein. Neben China sind auch die aufstrebenden Bric-Staaten Brasilien, Russland, und Indien im Fokus von Schweiz Tourismus. Viel verspricht sich Jürg Schmid von Indonesien.

 

Auch Bern Tourismus will in Brasilien aktiver werben, verrät Direktor Markus Lergier, der eben von einer Brasilien-Reise zurückgekehrt ist. Und Jürg Schmid von Schweiz Tourismus erklärt: «Die Schweiz ist in Brasilien nicht so bekannt wie in Asien», was sich ändern würde, falls es die Fussballer den Eishockeyanern gleichmachen und im kommenden Jahr an der Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien die Silbermedaille gewinnen sollten.

 

Im Vergleich zu den wachstumsträchtigen Märkten stagnieren Deutschland oder Frankreich. «Stimmt es, dass Sie die traditionellen Märkte etwas vernachlässigen, Herr Schmid?» «Nein, überhaupt nicht», wehrt sich der Direktor von Schweiz Tourismus. «Wir haben das Budget in Deutschland nicht reduziert.» Mit einer gezielten Rückgewinnungskampagne will nun Schweiz Tourismus die erlittenen Einbussen deutscher Gäste wieder wettmachen. Innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre verzeichnet die Schweizer Hotellerie bei deutschen Gästen eine Einbusse von 23 Prozent.

 

Erschienen in der BZ am 3. Juni 2013

Claude Chatelain