Felix Wolffers zum Problemfall Biel

Felix Wolffers: «Bei Alleinerziehenden beträgt die Sozialhilfequote in der Stadt Biel über 46 Prozent.»
Felix Wolffers: «Bei Alleinerziehenden beträgt die Sozialhilfequote in der Stadt Biel über 46 Prozent.»

Felix Wolffers von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe begründet die hohen Sozialhilfeausgaben der Stadt Biel mit der tiefen Steuerkraft und den grossen Haushalten.

 

Herr Wolffers, unsere Hypothese lautet: Wo es viele Sozialarbeiter gibt, gibt es viele Sozialfälle.

Felix Wolffers: So einfach ist das nicht: Im Kanton Bern gibt es überall gleich viele Sozialarbeiter: pro 80 bis 100 Dossiers eine Vollzeitstelle. Aber es gibt grosse Unterschiede bei der Sozialhilfequote.

Immerhin sagt die Studie von Ecoplan: je professionalisierter die Sozialhilfe, desto höher die Sozialhilfekosten.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Unterstützungsnormen sind überall die gleichen. Für eine Einzelperson werden schweizweit monatlich 970 Franken für den Grundbedarf plus Miete und Krankenkassenprämien ausgerichtet. Professionellere Leute sind eher dafür besorgt, dass jemand wieder eine Stelle findet und dass Geld von den Sozialversicherungen und Verwandten rückerstattet wird, und damit Kosten gespart werden.

 

Wie erklären Sie sich demnach die überdurchschnittlich hohen Kosten in Biel?

Die Kosten hängen im Wesentlichen von der Haushaltgrösse und den Erwerbsmöglichkeiten ab. Biel hat von allen untersuchten Städten unter den Sozialhilfeempfängern die tiefste Erwerbsquote und gleichzeitig pro Dossier am meisten Personen. Zürich hat 1,5 Personen pro Dossier; Biel 1,7 Personen. Wenn die Erwerbsmöglichkeiten fehlen und viele Familien unterstützt werden müssen, steigen die Sozialhilfeausgaben.

 

Das haben die Studienautoren bei ihrer Beurteilung berücksichtigt.

Mag sein, aber auch das Lohnniveau muss man berücksichtigen. Gemäss der Statistik der Bundessteuer beträgt in Biel die Steuerkraft pro Kopf 540 Franken; in Bern sind es 950 Franken und in Zürich 1630 Franken. Von allen untersuchten Städten hat Biel die tiefste Steuerkraft pro Kopf.

 

Wieweit erklären diese Zahlen die überdurchschnittlichen Sozialhilfeausgaben in Biel?

Die tiefe Steuerkraft spiegelt das relativ tiefe Lohnniveau. Wenn der Bedarf für eine Familie 4000 Franken beträgt und das Lohnniveau sehr tief ist, so hat die Familie in Biel geringere Chancen, genügend Geld hinzuzuverdienen als in Zürich. Insbesondere bei Scheidungen ist das Lohnniveau entscheidend: Wenn in Zürich ein gut verdienendes Paar scheidet, wird die Sozialhilfe kaum belastet. Wenn aber in Biel beim bescheidenen Einkommen geschieden wird, dann landet mindestens einer der Partner mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Sozialhilfe.

 

Gibt es dazu Zahlen?

Bei Alleinerziehenden beträgt die Sozialhilfequote in der Stadt Biel über 46 Prozent. Fast jede zweite alleinerziehende Person in Biel ist von der Sozialhilfe abhängig. Das ist massiv höher als bei vergleichbaren Städten in der Schweiz. Das ist die Folge der Einkommenssituation und des hohen Anteils von Personen ohne Berufsabschluss.

 

Wie gesagt: Die Studienautoren sagen, sie hätten diese Faktoren berücksichtigt.

Das stimmt. Aber die Studienautoren haben auch gesagt, sie könnten die überdurchschnittlich hohen Kosten nicht erklären. Biel hat nicht bedeutend mehr Scheidungen als andere Städte. Aber offensichtlich sind die wirtschaftlichen Folgen von Scheidungen in Biel viel gravierender als in den anderen Städten. Sonst wäre die Abhängigkeit von der Sozialhilfe bei Alleinerziehenden in Biel nicht derart gross.

 

Wie verhält es sich in anderen Städten?

In den meisten Städten beträgt die Sozialhilfequote der Alleinerziehenden um die 20 Prozent, weniger als die Hälfte als in Biel.

 

Ist nicht denkbar, dass überdotierte Sozialstellen Aufgaben wahrnehmen, welche andere Stellen – RAV, IV, Suva – wahrnehmen sollten?

Nein. Wenn eine Person Ansprüche bei der Arbeitslosenversicherung hat, so wird sie vom RAF betreut. Sie kommt normalerweise erst aufs Sozialamt, wenn der Anspruch auf Taggelder erlischt.

 

Wo die Mietzinsen tief sind, müssten auch die Fallkosten unterdurchschnittlich sein. In Biel ist aber das Gegenteil der Fall.

Das kann ich mir auch nicht erklären. Offenbar wiegen die überdurchschnittlich grossen Haushalte und die schlechten Erwerbsmöglichkeiten schwerer als die tiefen Mieten.

 

Beim Vergleich der einzelnen Kantone kommt man zum Schluss: Je solidarischer die Finanzierung, desto höher die Sozialausgaben.

In Richtung Westen nehmen die Sozialhilfequote und die solidarische Finanzierung der Lasten tendenziell zu. Doch diese Betrachtung greift zu kurz. Die grossen Städte haben ähnliche Sozialhilfequoten – unabhängig von der Finanzierung. In Bern, Zürich und Winterthur beträgt sie um die 5 Prozent, obschon die Gemeinden im Kanton Zürich einen höheren Finanzierungsanteil tragen müssen als im Kanton Bern. In Basel beträgt die Quote sogar 6 Prozent. Biel ist mit seinen 11 Prozent ein Ausreisser – aus den genannten Gründen.

 

 

ZUR PERSON

Gemäss einer Analyse des BAK Basel sind die Sozialhilfekosten im Kanton Bern überdurchschnittlich hoch. Besonders hoch sind sie jedoch in Biel: Keine andere Stadt in der Schweiz weist pro Kopf der Bevölkerung derart hohe Sozialhilfekosten auf wie Biel. Nirgends in der Schweiz gibt es mehr Sozialhilfebezüger als in der Uhrenstadt. In den letzten Jahren hat SP-Sozialdirektor Pierre-Yves Moeschler den Sozialdienst personell stark ausgebaut. Gemäss

einer Studie von Ecoplan könnte auch die Sozialbehörde zu den Kostentreibern gehören.

 

Felix Wolffers nimmt die Bieler Behörde in Schutz. Er ist Leiter des Sozialamts der Stadt Bern. Er ist aber auch Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe.

 

Erschienen in der BZ am 30. Mai 2013


Claude Chatelain