Vierte Säule: Zu den Jammertüten der Exportwirtschaft

BDP-Nationalrat Hans Grunder nervte sich über die Ökonomen, die dann eben doch recht bekamen.
BDP-Nationalrat Hans Grunder nervte sich über die Ökonomen, die dann eben doch recht bekamen.

Erinnern Sie sich, wie im Sommer 2011 die Lobbyisten der Exportwirtschaft auf Panik machten, als der Franken immer stärker wurde? Ein Eurokurs von 1.30 sei eine Katastrophe, ein Kurs von 1.20 eine noch grössere Katastrophe, und als die Parität hergestellt war, hatten die Jammertüten das Magazin mit den Superlativen bereits leer geschossen.

Dann fixierte die Nationalbank den Eurokurs auf 1.20, was Gewerkschaften und Exporteure als einen Schritt in die richtige Richtung beklatschten. Es sei aber noch nicht genug. Der Franken müsse sich mindestens auf 1.30 wenn nicht – laut Gewerkschaften – auf 1.40 abschwächen.

 

Der Berner BDP-Nationalrat Hans Grunder wetterte in der «Arena», die Ökonomen nervten ihn von Tag zu Tag mehr. Ihn nervten jene Ökonomen, die darauf hinwiesen, dass jede Aufwertung einer Währung zwei Seiten hat: teurere Export-, aber auch tiefere Importpreise. Ich gehörte auch zu diesen Ökonomen.

 

Das Gejammer von Grunder und seinen Mitstreitern zahlte sich aus: Bundesrat und Parlament schnürten ein Hilfspaket: 500 Millionen für die Arbeitslosenversicherung, 100 Millionen für die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit. Das Problem ist nur, dass diese Gelder bisher kaum benötigt wurden, wie man vor drei Wochen in dieser Zeitung lesen konnte. Dass das Hilfspaket nicht geöffnet werden musste, ginge ja noch. Der Clou ist vielmehr, dass die Schweizer Unternehmen im Jahr nach diesem Gejammer nicht nur der Währungskrise trotzten, sondern sogar noch rekordhohe Gewinne realisierten: 57 Milliarden Franken haben die börsenkotierten Schweizer Unternehmen 2012 verdient, so viel wie nie zuvor, rechnet uns die «Finanz und Wirtschaft» vor.

 

Am 20. September 2011 prophezeite ich in dieser Spalte, dass Schweizer Unternehmen in den kommenden Jahren nicht trotz, sondern wegen des starken Frankens gute Jahresergebnisse präsentieren würden — eben weil sie von den tieferen Importpreisen profitieren könnten. Hat mir jemand dafür gratuliert? Es wäre mir entgangen.

 

Erschienen in der BZ am 21. Mai 2013

Claude Chatelain