Vierte Säule: Weshalb das Gold seine Strahlkraft verlor

An zwei Handelstagen donnerte der Goldpreis letzte Woche um 15 Prozent in den Keller.
An zwei Handelstagen donnerte der Goldpreis letzte Woche um 15 Prozent in den Keller.

Was wurde da zu Jahresbeginn nicht alles prognostiziert: Die Aktienkurse werden steigen, weil es keine anderen vernünftigen Alternativen gebe, sagten die einen. Die Aktien werden sinken, weil die Finanz- und Schuldenkrise noch nicht ausgestanden sei, meinten die andern. Zudem prognostizierten nicht wenige, dass die Zinsen steigen würden, weil das schier grenzenlose Gelddrucken der Notenbanken inflationär wirke. Und viele empfahlen Investments in den aufstrebenden Ländern, weil dort das Wachstum am stärksten sei.

Was ist mit dem Gold? Hat irgendjemand einen Goldcrash vorausgesagt? Es wäre mir entgangen: An zwei Handelstagen donnerte der Goldpreis letzte Woche um 15 Prozent in den Keller; der grösste Einbruch seit 30 Jahren. Gemäss der «Frankfurter Allgemeine» verlor es nicht nur ein Viertel an Wert, «sondern auch eine Menge seiner Strahlkraft.»

 

Zwei Punkte sind bemerkenswert: Erstens hat kaum jemand vor einer Goldblase gewarnt. Normalerweise fehlt es vor dem Platzen von Blasen nicht an Warnern, die auf Übertreibungen hinweisen. So war es bei der Technologieblase um die Jahrtausendwende wie auch bei der immer noch nicht verdauten Immobilienblase von 2007. Ein Einbruch erfolgt selten überraschend; überraschend ist höchstens der Zeitpunkt. Und wenn dann eine Blase platzt, so fehlt es nicht an Erklärungen, weshalb die Preise im freien Fall in die Tiefe sackten.

 

Womit wir beim zweiten bemerkenswerten Punkt wären: Es fehlt diesmal an ernst zu nehmenden Erklärungen, aus was für Gründen der Preis für das Edelmetall derart in die Tiefe gezogen wurde. Die einzig vernünftige Antwort habe ich von Eugen Weinberg gelesen. Der Rohstoffexperte der Commerzbank erklärte der «Frankfurter Allgemeinen»: «Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Wir können selbst im Nachhinein nicht genau sagen, was passiert ist, denn fundamental hat sich am Goldmarkt nichts geändert.»

 

Erschienen in der BZ am 23. April 2013

Claude Chatelain