Herr Haller, leiden die Lokführer auf hohem Niveau?

«Rund 10 bis 15 Prozent der Touren sind für Lokführer sehr anstrengend», gesteht Mani Haller,
«Rund 10 bis 15 Prozent der Touren sind für Lokführer sehr anstrengend», gesteht Mani Haller,

Lokführer beklagen die  wachsende Arbeitsbelastung, die ausgereizten Einsatzpläne und die ellenlangen Touren ohne Pausen. Das berichtete diese Zeitung letzten  Samstag.  Mani  Haller nimmt Stellung. Er ist bei den SBB Leiter Zugführung und somit verantwortlich für  rund 2500  Lokführer.

Herr Haller, leiden die Lokomotivführer auf hohem Niveau?
Mani Haller: Die Lokomotivführer beklagen sich über die langen, fünfstündigen Touren, bei welchen sie manchmal kaum Zeit finden, um auszutreten.  Das ist mir bekannt. Rund 10 bis 15 Prozent der Touren sind für Lokführer sehr anstrengend.

 

«Lokführer verlangen nicht die Möglichkeit für Homeworking, aber die Möglichkeit, um auszutreten», sagte der Präsident der Lokführergewerkschaft VSLF.
Das respektiere ich. Da hat er recht.


Was machen Sie dagegen?
Wir ändern die Touren laufend. Die in Ihrer Zeitung erwähnte Tour von Bern nach Zürich und von dort nach Genf-Flughafen gibt es seit dem Fahrplanwechsel nicht mehr. Wir wissen, dass das keine gute Tour war.


Teilen Sie die Ansicht vieler Lokführer, dass die Anforderungen stark gestiegen sind – insbesondere auch punkto Konzentration und Stress?
Die Anforderungen waren schon immer sehr hoch. Massiv zugenommen hat aber der Verkehr. Vor dem Taktfahrplan hatten Lokführer schon mal einen Arbeitsunterbruch von zwei Stunden; heute oft nur noch von einer halbe Stunde. Die Produktivität der Lokführer hat damit zugenommen.


Müsste das aus dem Jahr 1963 stammende Arbeitszeitgesetz nicht angepasst werden?
Wir haben die internen Regeln vor rund vier Jahren angepasst und die maximale Arbeitsdauer aufgrund eines Entscheids des Bundesverwaltungsgerichts von 5 Stunden 30 Minuten auf 5 Stunden reduziert. 

"Es besteht kein Zusammenhang zwischen den Unfällen und den Touren, wie sie von den Lokomotivführern kritisiert werden", sagt der Chef der Lokführer.
"Es besteht kein Zusammenhang zwischen den Unfällen und den Touren, wie sie von den Lokomotivführern kritisiert werden", sagt der Chef der Lokführer.

Ein Lokführer sagte,  das Arbeitsgesetz wäre an sich kein Problem. Das Problem sei vielmehr, dass es bis auf die letzte Minute ausgereizt würde.
Das stimmt bei rund 10 bis 15 Prozent der Touren, je nach Arbeitsort.

 

Warum schaffen Sie  diese Monstertouren nicht ab?
Diese bereichsspezifischen Arbeitszeitregelungen sind das Ergebnis von Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern, festgehalten auf einem 20-seitigen Dokument. Dieses Dokument haben wir ausgehandelt.  Daher finde ich es nicht ganz korrekt, wenn man nur die negativen Punkte heraus streicht und die positiven Punkte negiert.


10 bis 15 Prozent tönt nach wenig. Wenn es um die Sicherheit geht, sind 10 Prozent zu viel.
Das hat miteinander gar nichts zu tun. Wir überprüfen einen Unfallhergang immer minutiös. Es besteht kein Zusammenhang zwischen den Unfällen und den Touren, wie sie von den Lokomotivführern kritisiert werden. Wobei ich Ihnen auch sagen muss, dass die Lokführer die Touren sehr unterschiedlich beurteilen. Einige tun sich schwer mit den fünfstündigen Touren; andere beklagen den Pendlerverkehr, welcher zu monoton sei.


Warum haben Kondukteure humanere Arbeitsbedingungen, obschon sie nicht nonstop höchste Konzentration an den Tag legen müssen?
Das ist das Resultat der Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern.


Haben demnach die Lokführer schlecht verhandelt?
Nein. Mit Lokführern haben wir andere Schwerpunkte ausgehandelt.

 

Für Aussenstehende wirkt  das Minütele befremdend. Jede Tätigkeit auch ausserhalb des Fahrens ist auf die Minute verplant – wie bei einer Maschine.

Aktuell kann man viel lesen über die Verschuldung der Bahn, die zunehmenden Kosten für den Steuerzahler oder über die Abgeltungslücken im Regionalverkehr. Ja, wir unterliegen einem wachsenden Kostendruck. Und wir gestalten die Einsatzpläne für Lokführer auch unter dem Gesichtspunkt der Produktivität, der Effizienz und der Kosten.


In jüngster Zeit passierten mehr Unfälle als sonst. Ein Zufall?
In einem einzigen Fall hat ein Lokführer einen Fehler gemacht, das war am Flughafen in Genf mit einem leichten Aufprall zweier Züge. Inzwischen haben wir die Software der Fahrzeuges angepasst, so dass ein solcher Aufprall nicht mehr passieren kann. In allen anderen Unfällen hat das involvierte Lokpersonal von SBB Personenverkehr hervorragend reagiert.

"Ja, wir unterliegen einem wachsenden Kostendruck."
"Ja, wir unterliegen einem wachsenden Kostendruck."


Offenbar nehmen Sie diese Ereignisse trotzdem zum Anlass, um die Arbeitsbedingungen überprüfen zu lassen?
Ja, weil wir wiederholt kritisiert werden, und ich als Vorgesetzter froh bin, wenn die Umstände von neutraler Seite begutachtet werden. Das gehört zu meiner Führungsaufgabe. Nichtsdestotrotz: Die Mitarbeiterzufriedenheit hat in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Auch die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation beurteilt das Lokpersonal  besser als vor zwei Jahren.


Ein Lokführer erzählte, er hätte für die Hochzeit seiner Tochter nicht frei bekommen, obschon er das Datum über ein Jahr im Voraus bekannt gegeben hatte. Einzelfall oder Standard?
Weder noch: Das ist gelogen. Ich bin diesem Vorwurf nachgegangen. Er stimmt schlicht nicht. 

 

Der Einsatzplan wird für ein Jahr vorgegeben. Will ein  Lokführer mittelfristig einen privaten Termin wahrnehmen, weiss er erst einen Monat im voraus, ob ihm das bewilligt wird.
Das ist richtig. Wir haben über 5000 Wünsche pro Monat, wo ein Lokomotivführer einen Arbeitstag durch einen freien Tag tauschen will. Im Schnitt sind das monatlich zwei Wünsche pro Mitarbeiter.  91 Prozent der Wünsche können wir erfüllen. 


Früher rekrutierten Sie vorab Mechaniker. Hat sich das verändert?
Ja, sehr sogar. Heute verlangen wir eine abgeschlossene, eidgenössisch anerkannte drei- oder vierjährige Lehre oder die Matura.  

 

Erschienen in der BZ am 19. April 2013 

 

 

 

Claude Chatelain