Die meisten Regionalbanken sitzen auf einem dicken Polster

Die Regionalbanken im Kanton Bern sind gut aufgestellt. Das gilt insbesondere für die kleinen. Denn nicht die Zuwachsraten sind massgebend, sondern Deckungsgrad, Kosten-Ertrags-Verhältnis und Eigenmitteldeckungsgrad. Das zeigt ein Vergleich dieser Zeitung.

Gemäss einer Studie belegt die DC Bank von 88 untersuchten Retailbanken den zweiten Rang
Gemäss einer Studie belegt die DC Bank von 88 untersuchten Retailbanken den zweiten Rang

Wenn der Hypothekarmarkt boomt, verzeichnen die Kreditbanken höhere Ausleihungen. Doch ein allzu starkes Wachstum der Kredite könnte auch ein Indiz für eine zu lasche Kreditpolitik sein. Deshalb ist nicht unbedingt jene Bank am besten unterwegs, welche bei den Ausleihungen den höchsten Zuwachs verzeichnet. Ebenso wichtig ist das Wachstum an Kundengeldern. Die Banken brauchen solche Gelder, um ihre Hypothekarkredite zu finanzieren. Interessant ist, dass mit Ausnahme der Valiant-Bank sämtliche Banken bei den Kundengeldern zuzulegen vermochten, obschon die Spargelder praktisch keine Zinsen abwerfen. Der Grund liegt in der Verunsicherung der Anleger. Sie waren im letzten Jahr zurückhaltend mit dem Kauf von Aktien oder Obligationen. Lieber liessen sie das Geld auf dem Sparkonto, was sich in höheren Kundengeldern manifestiert. Sobald die Anleger das Vertrauen in die Finanzmärkte zurückgewinnen, werden sie ihre Spargelder abziehen und Wertschriften kaufen. Damit fehlt den Kreditbanken die wichtigste Geldquelle zur Finanzierung der Hypotheken und anderen Kredite. Deshalb ist das Verhältnis der Kundengelder zu den Ausleihungen von besonderer Bedeutung — und dieses Verhältnis heiss Deckungsgrad. Extrem gut aufgestellt sind diesbezüglich die Berner Kantonalbank und die DC Bank, die Hausbank der Stadtberner Burgergemeinde. Zufall oder nicht: Beide sind ganz oder teilweise im Besitz der öffentlichen Hand. Gemäss einer Studie der Hochschule Luzern belegt die DC Bank von 88 untersuchten Retailbanken den zweiten Rang, geschlagen einzig von der Freiburger Kantonalbank. Mit ein Grund für diese hervorragende Platzierung ist der feudale Deckungsgrad von 109,3 Prozent.

Punkto Kosten-Etrags-Verhältnis absolute Spitze - die AEK Bank aus Thun.
Punkto Kosten-Etrags-Verhältnis absolute Spitze - die AEK Bank aus Thun.

Genossenschaften in Front

 

Neben dem Deckungsgrad stützen sich Experten noch auf andere Kennziffern. Deshalb die Frage an Fritz Ruprecht, Inhaber der Firma Helveticstar, die sich auf ausserbörslich gehandelte Aktien spezialisiert: Wenn Sie nur eine einzige Kennziffer einer Regionalbank erfahren dürften — welche interessiert Sie am meisten? «Das Kosten-Ertrags-Verhältnis», sagt Ruprecht. Das Verhältnis des Personal- und Sachaufwands zu den erwirtschafteten Erträgen sage sehr viel über die Produktivität einer Bank aus, erklärt er. Mit Abstand an der Spitze in dieser Kategorie befindet sich die AEK Bank in Thun mit einem Cost-Income-Ratio von unter 40 Prozent, gefolgt von der Bank EEK in Bern und den beiden kleinsten Instituten im Kanton: der Ersparniskasse Affoltern und der Spar- und Leihkasse Wynigen. Wohl kein Zufall, dass die beiden Spitzenreiter genossenschaftlich organisiert sind. Und ebenfalls kein Zufall, dass auch die kleinsten Banken, welche kein aufwendiges Filialnetz unterhalten müssen, eine gesunde Kostenstruktur aufweisen. Auf der anderen Seite weist die Bernerlandbank in Sumiswald, die ihre Zahlen erst gestern veröffentlichte, ein verhältnismässig dichtes Filialnetz in einer dünn besiedelten Region auf. Entsprechend hoch ist das Verhältnis der Kosten zum Ertrag. Die hohe Kostenstruktur war mit eine Grund, weshalb die Bernerlandbank mit der kostenmässig deutlich besser aufgestellten Spar- und Leihkasse Münsingen fusionieren wollte. Ein Ansinnen, dem die Aktionäre der S + L Münsingen im November letzten Jahres eine Abfuhr erteilten.

Der Valiant-Sitz am Bundesplatz.
Der Valiant-Sitz am Bundesplatz.

Schwankender Bruttogewinn

 

Beim Bruttogewinn steht die Valiant-Bank im Quervergleich ziemlich schlecht da. Doch wie so oft in der Analyse von Geschäftsabschlüssen erzählt auch diese wichtige Kennziffer nicht die ganze Wahrheit. Der starke Rückgang des Bruttogewinns ist bei der überregionalen Bankengruppe zu einem grossen Teil auf die Veräusserung der Revi Leasing und Finanz AG zurückzuführen. Bei der DC Bank wird der tiefere Bruttogewinn mit einmaligen Abschreibungen erklärt. Derweil die Spar- und Leihkasse Gürbetal ihren markanten Bruttogewinnanstieg mit tieferen IT-Kosten begründet.

Die Spar- und Leihkasse Wynigen ist im Erdgeschoss untergebracht.
Die Spar- und Leihkasse Wynigen ist im Erdgeschoss untergebracht.

Kleine mit viel Eigenmitteln

 

Seit Ausbruch der Finanzkrise hat die Bedeutung der Eigenmittel stark zugenommen, zumal die Finanzmarktaufsicht hier die Schraube angezogen hat. Schwach aufgestellt ist diesbezüglich die Valiant-Bank. Zwar liegen die 160 Prozent per Ende 2012 über den von der Finma geforderten 150 Prozent. Doch wer sich mit Minimalforderungen begnügt, hat im Bankgeschäft keine Zukunft. Diese Meinung vertritt auch der neue Verwaltungsratspräsident Jürg Bucher. Deshalb hat die Valiant vor ein paar Tagen eine nachrangige Anleihe im Umfang von 150 Millionen Franken platziert. Mit dieser nicht ganz kostengünstigen Kapitalbeschaffung kann der Eigenmitteldeckungsgrad von 160 Prozent per Ende 2012 auf aktuell 173 Prozent gesteigert werden. Bemerkenswert ist schliesslich, dass die beiden kleinsten Institute im Kanton Bern, die Ersparniskasse Affoltern sowie die Spar- und Leihkasse Wynigen, besonders gut aufgestellt sind — und zwar punkto Deckungsgrad, Kosten-Ertrags-Verhältnis wie auch gemessen am Eigenmitteldeckungsgrad.

 

INFOTHEK

Bruttogewinn: vergleichbar mit dem operativen Gewinn eines Industriebetriebs. Der Bruttogewinn ist aussagekräftiger als der Jahresgewinn.

 

Deckungsgrad: Das Verhältnis der Kundengelder zu den Ausleihungen besagt, wieweit eine Bank die ausgegebenen Kredite mit Spargeldern zu finanzieren vermag.

 

Eigenmitteldeckungsgrad: das Verhältnis der anrechenbaren zu den erforderlichen Eigenmitteln. Die Regionalbanken im nebenstehenden Vergleich müssen nach den Vorgaben der Finanzmarktaufsicht einen Eigenmitteldeckungsgrad von 150 Prozent ausweisen.

Leverage Ratio: das Verhältnis der ausgewiesenen Eigenmittel zur Bilanzsumme. Je höher diese Kennzahl, desto dicker ist die Eigenkapitaldecke.

 

Kosten-Ertrags-Verhältnis: Die Cost-Income-Ratio setzt die Kosten ins Verhältnis zum Ertrag. Diese Kennziffer sagt zwar wenig über das betreffende Geschäftsjahr, aber sehr viel über die Produktivität einer Bank.

 

Erschienen in der BZ am 4. April 2013


Claude Chatelain