Vierte Säule: Warum diese Aufregung über die Enteignung von Sparern?

Es gibt viele Szenarien, einen Staat wie Zypern zu retten. Die Variante, dass sich der Staat an den Guthaben der Sparer vergreift, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Offensichtlich haben auch viele andere nicht an eine solche Möglichkeit gedacht, wie der Aufschrei innerhalb und ausserhalb der zypriotischen Grenzen zeigt.

Ist die Plünderung von Bankkonti auch wirklich so eine abstruse Idee? Ist das Entsetzen nur deshalb so laut, weil es eine völlig neue Art von Diebstahl darstellt? Die NZZ stellt richtigerweise fest, dass in ganz Europa eine Enteignung grassiert: die kalte Enteignung der Sparer. In Deutschland rentieren fünfjährigen Staatsanleihen 0,8 Prozent. Und die Inflation beträgt 1,9 Prozent. Fazit: Jedes Jahr schrumpft die reale Kaufkraft deutscher Sparguthaben um 1,1 Prozent.

 

Wäre eine Enteignung, wie sie für Zypern vorgesehen war, auch in der Schweiz möglich? Rolf Cavalli vom «SonntagsBlick» erachtet eine solche Enteignung in der Schweiz «als unwahrscheinlich, wenn auch theoretisch möglich gemäss einer jüngsten Verordnung der Finanzmarktaufsicht».

 

So wie ich unsere Parlamentarier kenne, würden sie im Krisenfall nicht Spargelder konfiszieren, sondern die Steuern erhöhen. Das ist zwar juristisch keine Enteignung, aber unter dem Strich ändert sich nicht viel. Der Staat nimmt mir bei beiden Varianten Geld weg. Mit jeder Steuerrechnung reduziert sich mein Sparguthaben.

 

Wenn ich diesen Faden gedanklich weiterspinne, frage ich mich, ob wohl eine Enteignung via Sparguthaben nicht sogar besser wäre als eine Enteignung via Einkommens- und Vermögenssteuer. Dann kämen auch all die Ausländer an die Kasse, die ihr Geld in der Schweiz verstecken. Das hätte insofern sein Gutes, als auch die unversteuerten Gelder, von denen es trotz gegenteiliger Beteuerungen immer noch einige hat, den Weg zum Fiskus fänden. Zwar nicht zum Fiskus jenes Landes, von dem sie stammen, sondern zu unserem Fiskus. Die Schweiz wäre einmal mehr der Profiteur.

 

Habe ich mich nun, liebe Leser, im Reich der Utopie verirrt? Ich hoffe es.

 

Erschienen in der BZ vom 26. März 2013

Claude Chatelain