Vierte Säule: Obligationenfonds? nein danke

Mir wäre nicht wohl, wenn ich mein Geld in Obligationenfonds angelegt hätte. Deshalb bin ich doch recht erstaunt festzustellen, dass im vergangenen Jahr die Obligationenfonds unter den verschiedenen Fondskategorien die höchsten Nettozuflüsse verzeichneten.

Viele Anleger handeln wohl nach der überholten Devise: «Mit Aktien gut essen; mit Obligationen gut schlafen.» Oder sie sagen sich: In der gegenwärtigen unsicheren Zeit seien Aktien zu riskant; Obligationen dagegen viel sicherer. Wohl verstanden: Ich spreche hier nicht von Einzelanleihen, sondern ausdrücklich von Obligationenfonds.

 

Natürlich ist ein Totalausfall bei einer Obligation weniger wahrscheinlich als bei einer Aktie. Und selbstverständlich sind Staatsobligationen verhältnismässig sichere Papiere, sofern der Emittent nicht Griechenland, sondern zum Beispiel Schweiz heisst. Doch gegenwärtig haben wir ein extrem tiefes Zinsniveau. Früher oder später werden die Zinsen steigen. Dann werden die Obligationenkurse fallen. Wer eine Einzelanleihe eines Unternehmens oder eines Staates im Portefeuille hat, braucht sich über die Kursentwicklung seiner Anleihen keine Sorgen zu machen. Man wartet bis zum Verfall, bis also die Obligation zum Nennwert zurückbezahlt wird. Anders verhält es sich bei Obligationenfonds. Diese Anlagevehikel, die sich aus einer Vielzahl verschiedener Obligationen zusammensetzen, haben kein Verfalldatum. Sie haben ein Fondsvermögen und einen Inventarwert. Der Inventarwert ist der Frankenbetrag, den man beim Kauf pro Fondsanteil bezahlen muss.

 

Sobald die Zinsen steigen, wird der Inventarwert sinken. Dann wird es unter Anlegern lange Gesichter geben. Dann müssen sich aber auch die Anlageberater etwas einfallen lassen. Sie müssen ihren Kunden erklären, weshalb sie nicht zum Verkauf dieser Fonds geraten haben. Oder weshalb sie nicht auf das Risiko steigender Zinsen aufmerksam machten. Zu behaupten, man sei vom Zinsanstieg überrascht worden, wäre eine zu billige Ausrede.

 

Erschienen in der BZ am 29. Januar 2013

Claude Chatelain