Weniger Unfälle, tiefere Prämien

Gute Nachricht für den Werkplatz Schweiz: Die Suva wird auf 2011 die Prämien in der Berufsunfallversicherung um durchschnittlich 3 Prozent senken. Unverändert bleiben die Prämien für Freizeitunfälle.

Bei den Sozialversicherungen ist man sich schlechte Nachrichten gewohnt: Finanzloch in der Arbeitslosenversicherung; ungebremstes Wachstum der Krankenkassenprämien; zusätzliche Mehrwertsteuerprozente für die IV; Deckungslücken in der beruflichen Vorsorge.

 

Balsam auf dieses verwundete System ist das Geschäftsergebnis der Unfallversicherungsanstalt Suva: Sie erzielte 2009 einen Gewinn von 188 Millionen Franken und kann eine Abnahme der Berufsunfälle um 4,3 Prozent vermelden. Hinzu kommt, dass die Zahl neuer IV-Rentner seit 2003 rückläufig ist. In jenem Jahr hat die Suva das Case-Management eingeführt. Mittlerweile führt der Unfallversicherer 122 Case-Manager auf der Lohnliste. Sie sind damit beschäftigt, potenzielle IV-Rentner in den Erwerbsalltag einzugliedern. Dieser Wiedereingliederung ist laut Geschäftsleitungsvorsitzendem Ulrich Fricker zu verdanken, dass die Zahl der Neurentner abnimmt. Andere Gründe sind die gute Konjunktur sowie die verschärfte Gerichtspraxis, denn bei gewissen Leiden sind die Richter bei der Beurteilung des Rentenanspruchs strenger als früher. Im vergangenen Jahr wurden 2050 neue IV-Rentner registriert. Das ist der tiefste Wert seit Einführung des Unfallversicherungsgesetzes (UVG) 1984. 

Suva-Chef Ulrich Fricker.
Suva-Chef Ulrich Fricker.

Nicht nur die IV-Neurentner, auch die Berufsunfälle nehmen ab. So wird die Suva, bei der jeder zweite Arbeitnehmer in der Schweiz versichert ist, auf 2011 die Prämien für Berufsunfälle im Schnitt um 3 Prozent senken. Je nach Berufsgruppe wird die Senkung stärker oder schwächer ausfallen. Es ist die vierte Reduktion in Folge. Arbeitnehmer werden davon nichts merken: Die Prämien für Berufsunfälle zahlt der Arbeitgeber.

 

Anders die Prämie für die Nichtberufsunfallversicherung, wo keine Senkung vorgesehen ist. Diese Prämie kann der Arbeitgeber auf den Lohnempfänger abwälzen.

 

Stolze Anlagerenditen

 

Besonders stolz ist die Suva auf die Rendite ihrer Finanzanlagen. Die 12,6 Prozent im vergangenen Jahr und die rund 5 Prozent im 15-jährigen Durchschnitt sind überdurchschnittlich. Zur Erinnerung: Die Suva wollte die gesetzliche Erlaubnis erhalten, das Vermögen Dritter zu verwalten. Sie verwies auf ihre Kompetenz. Genau das gleiche Ansinnen hegte übrigens die Gebäudeversicherung des Kantons Bern. In beiden Fällen will der Gesetzgeber davon nichts wissen. Suva-Präsident Franz Steinegger: «Wer unsere Performance anschaut, hat ein gewisses Verständnis, weshalb unsere Konkurrenten nicht wollen, dass wir unser Know-how in der Vermögensverwaltung Dritten anbieten.»

 

Von stillen und lauten Reserven

Man hat gelernt, dass stille Reserven nirgends im Geschäftsabschluss erscheinen, deshalb sind sie ja still. Solche versteckten Reserven ergeben sich etwa bei rigorosen Abschreibungen. Man schreibt das Haus gleich auf einen Franken ab, obschon es einen höheren Marktwert besitzt.

 

Auch die Suva hat stille Reserven. Doch still sind sie keineswegs. Sie sind ziemlich laut. Der Finanzchef Ernst Mäder sagte gestern an der Bilanzmedienkonferenzin Luzern: «Die stillen Reserven stiegen um rund 2,5 Milliarden Franken.» Dies führte zu einer Zunahme des Deckungsgrades auf 117,6 Prozent.

 

Auch im Geschäftsbericht sind die stillen Reserven alles andere als still. Sie figurieren zwar nicht in der Bilanz, aber in den Erläuterungen zur Jahresrechnung. Dort steht,

wie sich die angeblich stillen und in Tat und Wahrheit ziemlich lauten Reserven auf die verschiedenen Vermögenswerte wie Aktien, Obligationen und Immobilien aufteilen.

 

Warum also dieses Outing? «Versicherer und Pensionskassen bilanzieren zu Marktwerten, wir aber zu Nominalwerten», erklärt der Finanzchef. Liegt der Marktwert über dem Nominalwert, ergeben sich stille Reserven. Würde auch die Suva zu Marktwerten bilanzieren, wäre der Gewinn deutlich höher als ausgewiesen.

 

Merke: Im Gewinn sind die stillen Reserven nicht enthalten; im Deckungsgrad hingegen schon. So viel zur Verständlichkeit von Geschäftsab-schlüssen.

 

Erschienen in der BZ am 12. Juni 2010


Claude Chatelain