Hildebrand plädiert für ein stärkeres Zusammenrücken der Euroländer

Philipp Hildebrand in Interlaken.
Philipp Hildebrand in Interlaken.

Philipp Hildebrand sprach gestern am Alpensymposium in Interlaken. Im Unterschied  zu seiner Zeit als Notenbankchef darf er nun Klartext reden. Er sprach über die Zukunft Europas.

Vergangene Woche hat die britische Blackrock Asset Management von der Credit Suisse das Geschäft mit den börsenkotierten Anlagefonds (ETF) gekauft. Und gestern sprach deren Vice-Chairman in Interlaken am Alpensymposium. Vice-Chairman? Der Vize-Verwaltungsratspräsident des weltweit grössten Vermögensverwalters heisst Philipp Hildebrand, Bis vor einem Jahr war er noch Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), bei welcher er über zweifelhafte Devisengeschäfte stolperte.

 

Steuerkomformer Finanzplatz

 

Der Kauf der ETF-Palette der Credit Suisse veranlasste Hildebrand, für den Schweizer Finanzplatz eine erfolgsversprechende Zukunft zu prophezeien, «sofern sich die Schweiz auf das steuerkomforme Vermögensverwaltungsgeschäft konzentriert». Was er unter «steuerkomform» konkret versteht, sagte Hildebrand nicht.

 

Europa ähnlich der Schweiz

 

Doch das Hauptthema von Hildebrands Vortrag galt nicht der Zukunft des Schweizer Finanzplatzes, sondern der Zukunft Europas. Und dabei wagte der ehemalige Notenbanker eine Prognose für das Jahr 2033: «Wir werden in zwanzig Jahren ein Europa sehen, das der Schweiz in manchen Punkten sehr ähnlich ist», prophezeite der Black-Rock-Manager, der sich als Notenbankchef nie so deutlich ausdrücken durfte. Europa werde zwar nie ein Bundesstaat werden wie die Schweiz, aber die Euro-Länder dürften näher zusammenrücken, gewisse Probleme gemeinsam lösen, aber weiterhin die Steuerhoheit behalten, wie das in der Schweiz mit ihren Kantonen auch der Fall ist.

«Wir werden in zwanzig Jahren ein Europa sehen, das der Schweiz in manchen Punkten sehr ähnlich ist», prophezeite der Black-Rock-Manager Philipp Hildebrand, der sich als Notenbankchef nie so prononciert  ausdrücken durfte.
«Wir werden in zwanzig Jahren ein Europa sehen, das der Schweiz in manchen Punkten sehr ähnlich ist», prophezeite der Black-Rock-Manager Philipp Hildebrand, der sich als Notenbankchef nie so prononciert ausdrücken durfte.

Selbstverständlich ist mit dieser Prognose auch sehr viel Hoffnung verbunden. Und sie kann laut Hildebrand nur dann zutreffen, wenn die Eurozone eine stärkere Integration anstrebt. «Heute befindet sich die Euro-Zone in einer instabilen Phase.» Um zur Stabilität zurückzufinden, gibt es es nur zwei Wege: Entweder werde das Rad vorwärts gedreht, was in einer stärkeren Integration münde. Oder das Rad werde zurückgedreht. An diesen zweiten Weg scheint der gestürzte SNB-Chef nicht zu glauben.

 

Kleinere Haushaltsdefizite

 

Optimistisch stimmten Hildebrand die Fortschritte bei den Haushaltsdefiziten, die von Jahr zu Jahr im Abnehmen begriffen seien. «Selbst die euroskeptische Financial Times hat anerkannt, dass die Euroländer in den vergangenen Monaten beträchtliche Fortschritte erzielten.»

 

So wie die Schweizerische Nationalbank (SNB) unmissverständlich klar machte, dass sie am Eurokurs von 1.20 festhalten werde, so liess auch die Europäischen Zentralbank (EZB) keine Zweifel, dass sie Staatspapiere von Euroländern kaufen werde, koste es, was es wolle. Und so wie die Devisenmärkte im Fall der SNB, so hätten auch die Anleihenmärkte im Fall der EZB die Botschaft verstanden. Die Zinsen für die Staatspapiere der peripheren Länder sind seither wieder deutlich gesunken.

 

«Die EZB hat Zeit gekauft»

 

«Die EZB hat mit dem Kauf von Staatspapieren Zeit gekauft», Die Länder hätten nun Zeit, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Damit wurde ihnen auch der Druck genommen, was die Kehrseite der Medaille sei. «Wenn der Druck weg ist, nimmt auch der Reformwille ab». Nun muss die Euro-Zone laut Hildebrand erstens eine gemeinsame Haftung und zweitens eine bessere Disziplin der peripheren Länder hinkriegen. Doch Deutschland könne die Haftung nicht alleine übernehmen. «Die Eurozone braucht mindestens zwei starke Länder, die im Notfall haften können», sagte Hildebrand. Dieser zweite Partner müsste Frankreich sein. Ob wohl das streikfreudige Frankreich unter Präsident François Hollande dazu in der Lage ist?

 

Erschienen in der BZ am 16. Januar 2013

Claude Chatelain