Noch zahlen Frauen tiefere Prämien

Nach einer neuen Studie ist das Risiko eines Autounfalls bei Frauen rund 25 Prozent höher als dasjenige der Männer.
Nach einer neuen Studie ist das Risiko eines Autounfalls bei Frauen rund 25 Prozent höher als dasjenige der Männer.

Bei zahlreichen Versicherungstypen zahlen Frauen tiefere Prämien als Männer. In der EU ist das nicht mehr erlaubt.

 

In der Mode ist Unisex derzeit nicht im Trend. In der Versicherungswirtschaft hingegen schon, zumindest in den EU-Ländern. Dort ist es den Versicherungsgesellschaften seit Anfang Jahr nicht mehr erlaubt, für Mann und Frau unterschiedliche Prämien zu verlangen.

Ganz anders  in der Schweiz: Bei den Autoversicherungen zum Beispiel zahlen Männer höhere Prämien als Frauen. Risikobasierte Prämien nennt man das. Das soll auch so bleiben. «Risikobasierte Prämien werden vom Kunden gewünscht», weiss Selma Frasa-Odok vom Schweizerischen Versicherungsverband (SVV). Das ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2009.

Teuscher kämpfte für Unisex

Geht es hingegen nach den Vorstellungen der Grünen Franziska Teuscher, so müssten Unisex-Tarife auch in der Schweiz obligatorisch sein. Die neue Stadtberner Gemeinderätin hat als Nationalrätin  wiederholt entsprechende Vorstösse lanciert. Schon 1998 verlangte sie für die Krankenzusatzversicherungen geschlechtsneutrale Prämien, wo Frauen wegen der Mutterschaft höhere Kosten verursachen und dadurch auch höhere Prämien bezahlen müssen. Sie fand im Parlament keine Mehrheit. Wobei noch anzufügen ist, dass Frauen ab einem gewissen Alter für die Zusatzversicherung je nach Krankenkasse tiefere Prämien  zahlen als Männer.

 

Keine Jagd nach guten Risiken

Das Thema geschlechtsneutrale Prämien ist fast so alt wie die 1996 erfolgte Liberalisierung der Versicherungswirtschaft. «So wenig für die Feuerversicherung einer Schreinerei der gleiche Prämienansatz angewandt werden kann wie für ein Wasserwerk, so wenig lässt sich ignorieren, dass das Risikoprofil von Frauen und Männern merkliche Unterschiede aufweist», pflegte Albert Lauper zu sagen, der frühere Chef der Mobiliar-Versicherung. «Weshalb sollen Frauen denn nicht prämienmässig besser fahren, wenn sie besser Auto fahren?» Im Februar 2004 erklärte Lauper zur inzwischen eingegangenen Wirtschaftszeitung «Cash»:  «Durchschnittsprämien führen dazu, dass nur noch bessere Risiken akquiriert werden.» Wie das geht, wird  in der obligatorischen Grundversicherung von den Krankenkassen  vorgelebt.

 

Der Lebensversicherer Swiss Life steht voll und ganz zum Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau, erklärt Sprecher Martin Läderach.  «Gleiche Massstäbe bedeuten aber nicht immer gleiche Prämien. Unterschiedliche Prämien beruhen auf unterschiedlichen Risiken, die messbar und kalkulierbar sind.»

Geringeres Sterberisiko

Wo die Frauen im Schnitt geringere Kosten verursachen, zahlen sie entsprechend tiefere Prämien. Das ist etwa bei der  Todesfallversicherung der Fall.  Das Risiko eines krankheits- oder unfallbedingten Todes ist bei Frauen geringer als bei Männern. Aus diesem Grund zahlen sie auch tiefere Prämien, was sich je nach Versicherungsgesellschaft massiv auswirken kann. Bei Swiss Life beispielsweise zahlt eine 40-jährige Frau eine um 41,8 Prozent tiefere Prämie als der gleichaltrige Mann.  
 
Geringeres Invaliditätsrisiko

Auch bei den Erwerbsunfähigkeitsversicherungen zahlen Frauen meistens weniger als Männer. Hier kann es jedoch vorkommen, dass bei gewissen Berufen und Altersstufen die Frauen ein höheres Schadenpotenzial aufweisen als Männer und dadurch höhere Prämien bezahlen müssen. Kommt hinzu, dass sich die Versicherer auf eigene Erfahrungswerte abstützen und unter Umständen zu einem völlig anderen Schluss kommen. Bei der Basler und bei Swiss Life stellen  40-jährige kaufmännische Angestellte offenbar ein höheres Invaliditätsrisiko dar als gleichaltrige Männer. Bei der Zürich, Helvetia und insbesondere bei der Mobiliar ist es gerade umgekehrt.


Geringeres Schadenpotenzial


Nur unverbesserliche Machos würden auch heute noch sagen: «Frauen am Steuer - Ungeheuer». Mittlerweile dürfte hinlänglich bekannt sein, dass Frauen weniger Unfälle verursachen als Männer und damit für Autohaftpflichtversicherungen  in die Gunst von tieferen Prämien kommen: «Unsere Statistiken zur Autoversicherung  sagen aus, dass junge Frauen eine bessere Schadenfrequenz haben, also weniger Schäden als junge Männer verursachen», erklärt Matthias Zingg von der Basler Versicherung. Ähnliches ist bei der Mobiliar zu erfahren: «Heute bezahlen Frauen durchschnittlich 15 bis 20 Prozent weniger für ihre Autoversicherungen als Männer – die Abweichungen können aber massiv sein», weiss Mobiliar-Sprecher Jürg Thalmann.

Höhere Schäden von Frauen?

Nach neusten Zahlen ist hier freilich ein neuer Trend auszumachen. Die Suva publizierte letzte Woche eine neue Studie. Danach ist das Risiko eines Autounfalls bei Frauen rund 25 Prozent höher als dasjenige der Männer. «Das ursprünglich höhere Risiko der Männer ist nicht zuletzt dank Prävention deutlicher zurückgegangen als dasjenige der Frauen», schreibt die halb staatliche Unfallversicherungsgesellschaft in einer Medienmitteilung.


Wie weit sich die Studienergebnisse in der Kalkulation der Autoversicherer niederschlagen, ist derzeit noch unklar. Die Versicherungsgesellschaften stützen sich auf eigene Erfahrungswerte. Sie berücksichtigen nicht nur das Geschlecht, sondern auch Alter, Nationalität, Fahrzeugart, Leistungsklasse sowie Wohnort. Durchaus möglich also, dass bei gewissen Autotypen die Frauen ein höheres Schadenpotenzial aufweisen als gleichaltrige Männer, während es sich bei anderen Automarken gerade umgekehrt verhält.

 

Erschienen in der BZ am 15. Januar 2013

Claude Chatelain