"Der Januar wird ganz schwierig sein für mich"

BEKB-Chef Jean-Claude Nobili
BEKB-Chef Jean-Claude Nobili

Jean-Claude Nobili tritt auf Ende Jahr nach 34 Jahren bei der Berner Kantonalbank zurück. Wenigstens bleibt er der Berner Kunstszene erhalten.

 

Herr Nobili, Sie sind erst 60. Warum hören Sie schon auf?

Jean-Claude Nobili: Weil wir uns das klare Ziel gesetzt haben, dass die Nachfolge parat sein muss, wenn der CEO das 60. Altersjahr erreicht hat.

 

Ihnen wird nachgesagt, mit der BEKB verheiratet zu sein.

Ich bin jetzt seit 34 Jahren bei dieser Bank. Es ist eine Passion. Ich hatte Hochs und Tiefs.

 

Erlebten Sie das grösste Tief Anfang der Neunzigerjahre, als die BEKB wegen fauler Kredite gerettet werden musste?

Ja, diese schwierige Zeit hat mich geprägt. Ich habe gesehen, wie man in drei Jahren eine Bank gefährden kann. Wir hatten faule Kredite von 6,6 Milliarden Franken in die Auffanggesellschaft Dezennium ausgelagert. Seither verfolgen wir eine konsequente Low-Risk-Strategie.

 

Können Sie überhaupt loslassen?

Nein. Der Januar wird ganz schwierig sein für mich.

 

Sie sind Kunstliebhaber: Werden Sie nun einen Malkurs buchen?

Ich bin Präsident der Sommerakademie im Zentrum Paul Klee. Als Bice Curiger, die Leiterin der Kunstbiennale in Venedig, nach ihren drei Highlights des Jahres gefragt wurde, nannte sie neben der Biennale die Sommerakademie, die jedes Jahr während einer Woche junge Künstler aus der ganzen Welt anzieht. Ein so tolles Projekt zu ermöglichen, macht mir enorm Spass. Nein, als Maler bin ich nicht geschaffen. Aber ich habe Freude, mit Künstlern zusammenzuarbeiten.

 

Ihr Nachfolger, Hanspeter Rüfenacht, ist seit 11 Jahren in der Bank. Haben Sie auch externe Kandidaten geprüft?

Nein. Wir haben zwei interne Kandidaten durch externe Fachleute in einem ganz normalen Verfahren testen lassen. 

Nobili hält viel von Paul Volcker.
Nobili hält viel von Paul Volcker.

Frischer Wind tut gut.

Noch wichtiger ist Kontinuität: Mit Hanspeter Rüfenacht kommt erst der dritte Chef seit 20 Jahren. Er wird die eingeschlagene Strategie weiterverfolgen. Das ist auch gut für unsere Kunden. Sie kennen den neuen Chef schon von seiner früheren Funktion in der Bank.

 

Peter Hasler, VR-Präsident der Post, sagte einmal: Wer externe Nachfolger – oder Nachfolgerinnen – sucht, hat die Nachwuchsförderung vernachlässigt.

Das ist auch meine tiefste Überzeugung. Wer den Chef nicht aus dem eigenen Haus rekrutiert, hat den Aufbau verpasst. Es gibt nur eine Ausnahme: wenn man in eine grosse Krise geschlittert ist, wie das 1991 bei uns der Fall war. In diesem Fall muss man mit der Vergangenheit brechen und den obersten Chef mit einer externen Person ersetzen.

 

Eine Zeitung schrieb, Kantonalbanken hätten ein Problem: Sie könnten nicht wachsen.

Die BEKB kennt dieses Problem nicht. Bern ist ein grosser Kanton mit einer Million Einwohnern, vielen kleinen und mittleren Unternehmen und vielen Banken. Für ein Drittel unserer Kunden sind wir die Hauptbank. Wir können auch im eigenen Raum weiter wachsen.

 

Die BEKB kann nur auf Kosten anderer wachsen. Volkswirtschaftlich und wettbewerbspolitisch ist das nicht erwünscht.

Im Grundsatz bin ich mit Ihnen einverstanden. Aber schauen Sie, wo wir heute stehen. Die BEKB hat einen Marktanteil von 20 Prozent und steht in Konkurrenz zu zwei im Kanton Bern stark verankerten Grossbanken, zahlreichen Raiffeisenbanken und mehreren Regionalbanken, die historisch die dominierende Kraft waren im Kanton Bern. Die BEKB ist weit von einer marktbeherrschenden Stellung entfernt.

 

Die BEKB hat vom Kollaps von Lehman Brothers netto profitiert …

…nein, wir haben nur punkto Reputation profitiert. Das Produkt war uninteressant.

 

Wie meinen Sie das?

Kunden hatten mit den Lehman-Papieren Geld verloren. Wir sind hingestanden, haben den Verlust übernommen, obschon wir juristisch dazu nicht verpflichtet waren. Das ist gut für unseren Ruf und unsere Kundenbeziehung.

 

Die BEKB hat profitiert, weil viele Kunden von der UBS zur BEKB übergelaufen sind.

Das stimmt.

Was hat sich bei der BEKB in den vergangenen drei Jahren konkret verändert?

Die grosse Veränderung fand vor 20 Jahren statt. Damals fokussierten wir auf das Kerngeschäft.

Die letzten 3 Jahre sind nur eine Episode.

 

Ist die BEKB nicht zurückhaltender geworden beim Verkauf von strukturierten Produkten?

Schon vorher musste der Verkauf von kapitalgeschützten Produkten von der Geschäftsleitung bewilligt werden. Als wir gemerkt hatten, dass Lehman Brothers zu unserem grössten Partner anwuchs, haben wir das Risiko reduziert. Das ist eine Folge unserer Erfahrung aus den Achtzigerjahren: Ein Drittel der ausstehenden Kredite war damals auf 80 Kunden verteilt. Heute haben 80 Prozent der Kunden Kredite von unter einer Million Franken. Die grossen Kredite machen weniger als 5 Prozent aus. Seither verfolgen wir die Politik, dass wir in der Lage sein wollen, die Risiken selber zu tragen. 

Nobili sieht im Kanton Bern keine Immobilienblase.
Nobili sieht im Kanton Bern keine Immobilienblase.

Haben wir im Kanton Bern eine Immobilienblase?

Nein. Die Nachfrage nach Immobilien stammt vom Endkunden. In den Achtzigerjahren war das anders. Damals hatten Spekulanten auf Halde gebaut und die Preise in die Höhe getrieben.

 

Thomas Jordan, Vizepräsident der Nationalbank, stellt ein höheres Kreditrisiko fest. Gilt dies auch für die BEKB?

Selbstverständlich. Banken und Konsumenten wetten heute auf tiefe Zinsen.

 

Was passiert, wenn die Wette verloren geht?

Angenommen, die Zinsen steigen auf 5 Prozent. Dann werden die Häuserpreise sinken. Eine 20-prozentige Senkung der Immobilienpreise wäre überhaupt keine Überraschung. Dann werden wir sehen, wie die Kunden und Banken dastehen. Problematisch wird es dann, wenn ein Kunde die Liegenschaft verkaufen muss, sei es wegen eines Wohnortswechsels oder aus einem anderen Grund.

 

Hat die BEKB für dieses Szenario Vorkehrungen getroffen?

Ja, wir akzeptieren das Vorsorgevermögen der 2. Säule nicht mehr als Eigenkapital. Wir verlangen 20 Prozent echtes Eigenkapital, damit der Kunde einen Puffer hat. Wenn jemand das Haus zu einem um 20 Prozent tieferen Preis verkaufen müsste, wäre das Vorsorgekapital verloren. Es würde im Alter fehlen.

 

Nächstes Jahr fällt die Staatsgarantie weg. Was ändert sich?

Geschäftspolitisch hat sich viel verändert. Wir wussten, dass wir eine Strategie umsetzen müssten, damit wir nie auf die Hilfe der öffentlichen Hand angewiesen sein würden. Eine konkrete Massnahme war zum Beispiel die Bildung von Aktionärssparkonti, die bis 50 000 Franken höher verzinst werden. Wir haben heute mehr Spargelder als Kundenausleihungen.

Die BEKB ist doch «too big to fail». Sie würde so oder so gerettet, wie damals die UBS.

Nein, wir sind nicht «too big to fail». Wir haben einen Eigentümer, der 50 Prozent des Kapitals besitzt. Das ist der Kanton. Und dieser Eigentümer hat eine Strategie formuliert, die eine der Voraussetzungen schafft, dass die Eigentümergarantie nicht in Anspruch genommen werden muss.

 

War die UBS wirklich «too big to fail»? Gemäss Post-Chef Jürg Bucher hätte das Fallenlassen der UBS zwar zu Turbulenzen geführt, die Volkswirtschaft aber nicht lahmgelegt.

(überlegt) Ich möchte die Frage so beantworten: Was passiert heute im europäischen Raum? Was hat die Europäische Zentralbank bekannt gegeben? Sie drückte ihre Besorgnis aus, dass der Interbankenverkehr zum Erliegen kommen könnte. Die Banken hatten damals und heute wiederum das gegenseitige Vertrauen verloren. 

Die Banken haben laut Nobili immer noch zu wenig Eigenkapital.
Die Banken haben laut Nobili immer noch zu wenig Eigenkapital.

Haben die Banken zu wenig Eigenkapital?

Das Regelwerk von «Basel II» ermöglichte den Banken, mit wenig Eigenmitteln auszukommen …

 

…werden denn die Vorschriften von «Basel III» ausreichen?

Nein. Die Eigenmittel werden erst mit «Basel V» ausreichen, wenn Risikogewichtung und Volumen berücksichtigt werden.

 

Das Parlament hat die Grossbankenregulierung «Too big to fail» verabschiedet, die noch höhere Eigenmittel fordert als «Basel III».

Das reicht nicht …

 

Habe ich Sie richtig verstanden: Das reicht nicht?

Es ist nur von höheren Eigenmitteln die Rede. Eine konkrete Lösung, wie wir sie beispielsweise vor 20 Jahren mit der Dezennium gemacht haben, ist noch nicht vorhanden. Wir haben damals die guten von den schlechten Geschäftsteilen getrennt.

 

Somit sind Sie für eine Abspaltung des Investmentbankings?

Ich halte viel von erfahrenen, sachverständigen Herren wie etwa Paul Volcker, dem ehemaligen Notenbankchef der USA.

 

 

ZUR PERSON

 

Jean-Claude Nobili steht seit 34 Jahren in den Diensten der Berner Kantonalbank (BEKB). Er erlebte also die kritische Phase, als die Berner Staatsbank Anfang der Neunzigerjahre wegen fauler Hypothekarkredite mit Steuergeldern gerettet werden musste. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Bank mit einer langfristigen Ausrichtung auf ihr Kerngeschäft konzentriert. Jean Claude Nobili hat massgeblich zur Umsetzung

 

 

 

 

dieser Strategie beigetragen, in den letzten 8 Jahren als Leiter der Geschäftsleitung. Als Kunstliebhaber wird der 60-jährige Nobili weiterhin die Sommerakademie im Zentrum Paul Klee leiten. Er bleibt auch Präsident des Stiftungsrates der Pensionskasse der BEKB. Nobili hat in Bern Ökonomie studiert und mit einem Lizenziat abgeschlossen.

 

Erschienen in der BZ am 22. Dezember 2011


Claude Chatelain