Vierte Säule: Was machen all die Banken in der Bundesstadt?

Manche können es kaum mehr hören: Der Kanton Bern ist armengenössig. Kein anderer Kanton bezieht aus dem Topf des Finanzausgleichs so viele Mittel wie Bern – rund eine Milliarde Franken sollen es sein. Warum es so weit kam, lesen Sie im Buch meiner BZ-Kollegen Stefan von Bergen und Jürg Steiner: «Wie viel Bern braucht die Schweiz?»

Ich frage mich deshalb, was all die neuen Banken hier in der Bundesstadt suchen, hier im Hauptort des strukturschwachen Kantons. Da ist mal die Bank Sarasin: Sie eröffnete im Sommer vor drei Jahren ihre Filiale am Waisenhausplatz, an bester Lage also. Ein Jahr später kam die Bank Vontobel mit acht Mitarbeitern an die Spitalgasse 40; ebenfalls im Zentrum. Wiederum ein Jahr später erschien die italienische Banca Popolare di Sondrio (BPS) mit neun Mitarbeitern auf dem Stadtberner Bankenplatz – mit Schalterräume an der Kramgasse. Seit Anfang Jahr ist mit der Neuenburger Privatbank Bonôte ein weiteres Institut in der Bundesstadt, welches betuchte Kunden betreuen will. Und eben erst hat die Thuner AEK Bank vis-à-vis dem Zytgloggeturm einen Ableger eröffnet.

 

Die AEK Bank und die BPS haben es nicht in erster Linie auf die reichen Bernerinnen und Berner abgesehen. Sie fokussieren auf das herkömmliche Kreditgeschäft. Wo aber holen all die anderen neuen Vermögensverwaltungsbanken ihre Kundschaft her? Der Markt in Bern wächst nicht. Wollen also die neuen Banken bestehen, so müssen sie den bestehenden Kunden abjagen. All die Neuen sagen mir, dass ihnen dies recht gut gelinge. Und all die eingesessenen Banken erklären, dass sie im Vermögensverwaltungsgeschäft keine Kunden verlören. Auch die Valiant-Bank sagte mir das. Üblicherweise gibt man einer Niederlassung fünf Jahre Zeit, um den Break-even zu erreichen. Hoffen wir doch, dass ihnen das gelingt. Wettbewerb belebt den Markt. Und vielleicht ist der Kanton Bern gar nicht so armengenössig, wie er dargestellt wird. Vielleicht gibt es mehr «Heimlifeisse», als man meint.

 

Erschienen in der BZ am 11. Dezember 2012

Claude Chatelain