Valiant sucht einen Käufer

BEKB und Valiant bald unter einem Dach?
BEKB und Valiant bald unter einem Dach?

Die Berner Kantonalbank (BEKB) und die Valiant Holding prüfen einen Zusammenschluss. Betrachtet man die Entwicklung an der Börse, so wäre ein Schulterschluss gut für die Valiant; schlecht für die BEKB.  

Plötzlich stieg gestern der Aktienkurs der Valiant Holding um über 6 Prozent. Ursache war die Meldung vom Finanzblog «Inside Paradeplatz», wonach die Berner Regionalbank Valiant und die Berner Kantonalbank (BEKB) über einen Zusammenschluss sprechen würden. Es verging über eine Stunde, bis die Valiant Holding bestätigte, «dass sie im Rahmen der Evaluation ihrer strategischen Optionen derzeit in Gesprächen mit der Berner Kantonalbank über ein mögliches Zusammengehen der beiden Gesellschaften steht».

 

Schon an der letztjährigen Generalversammlung vom Mai 2011 erklärte Verwaltungsratspräsident Kurt Streit, dass man einen strategischen Partner suche, der sich bei Valiant beteilige. Ein solcher könnte bei der Kursentwicklung stabilisierend wirken.

 

Gesucht: Mutter statt Partner

 

Offensichtlich sucht die Valiant mittlerweile nicht mehr einen Partner, sondern eine Mutter. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die finanzielle Potenz der Regionalbankengruppe. Kein börsenkotiertes Unternehmen wirft sich freiwillig in die Arme der Konkurrenz.

 

Branchenbeobachter sind über diese Entwicklung nicht überrascht; höchstens über den Zeitpunkt. Wiederholt war zu hören, dass die Valiant mangels Eigenkapital ein Problem bekommen könnte, auch wenn die Valiant-Spitze hartnäckig das Gegenteil beteuerte. Ihr Eigenmitteldeckungsgrad betrug per Ende 2011 knapp 150 Prozent. Diese Kennziffer setzt die anrechenbaren Eigenmittel ins Verhältnis zu den erforderlichen. Je höher die Kennziffer, desto dicker das Polster. Zwar erfüllt Valiant mit den besagten 150 Prozent die Vorgaben gemäss dem Regelwerk Basel III für das Jahr 2016; freilich nur knapp. Für den Kapitalmarkt genügt das nicht. Ist die Kapitaldecke zu schmal, verlangt der Markt bei der Aufnahme von Kapital höhere Zinsen. Keine andere Regionalbank im Kanton Bern weist einen so tiefen Wert auf. Bei der BEKB beispielsweise beträgt der Eigenmitteldeckungsgrad 229 Prozent.

 

Überraschender Zeitpunkt

 

Überraschend ist für Beobachter, dass die Valiant-Bank schon zum jetzigen Zeitpunkt Fusionsgespräche führt. Sie ist strategisch kaum handlungsfähig. Kurt Streit, der starke Mann bei Valiant, ist so etwas wie eine «lahme Ente», wie die Amerikaner sagen würden. Er gibt sein Amt an der nächsten GV ab. Zudem dürfte er kaum ein Interesse daran haben, sein Lebenswerk der Konkurrenz zu verscherbeln.

 

Steckt die Finma dahinter?

 

Der designierte Nachfolger von Kurt Streit, Postchef Jürg Bucher, hat sein Amt offiziell noch gar nicht angetreten. Es müsste wirklich sehr schlimm um die Valiant-Bank stehen, wenn er bereits vor seinem Amtsantritt solche strategische Gespräche führte. Daher macht die Vermutung die Runde, dass allenfalls die Finanzmarktaufsicht (Finma) den Organen der Valiant Holding aufgrund der Kapitalsituation nahelegte, sämtliche Optionen zu prüfen, auch einen Schulterschluss mit einer stärkeren Bank. Die Finma sagt nichts dazu.

 

Sicher ist jedoch, dass die börsenkotierte Valiant-Bank nicht nur punkto Eigenkapital ein Problem hat. Sie hat vor allem auch ein Imageproblem (Kasten rechts). Gestern schloss die Valiant-Aktie bei 100.10 Franken; 6,04 Prozent über dem Vortag. Die Aktie der Berner Kantonalbank verlor dagegen 0,74 Prozent. Das zeigt, dass auch die Börse für die Berner Kantonalbank bei einer solchen Übernahme kaum Vorteile ortet.

 

Doch auch der Valiant-Schlusskurs von gut 100 Franken zeigt, dass die Anlegerinnen und Anleger an den durchgesickerten Plänen zweifeln. Gemäss dem Informanten, der «Inside Paradeplatz» von den geheimen Gesprächen erzählte, verlangt die Regionalbank vom Berner Staatsinstitut einen Preis von 124 Franken pro Valiant-Aktie. Von diesem Wert war der gestrige Aktienhandel weit entfernt.

 

 

Steiler Aufstieg, noch steilerer Absturz

 

Als die Spar- und Leihkasse Bern, die Gewerbekasse Bern und die Bank Belp im Jahr 1997 das gemeinsame Holdingdach Valiant bauten, sah noch alles relativ gut aus: Die Holding prosperierte. Und zwar derart, dass sie Bank um Bank einzuverleiben vermochte, zuerst aus der Region. 2002 folgte dann die Expansion nach Osten mit der Übernahme der Luzerner Regiobank und der Aargauer Interregio-Bank. Das Wachstum schien keine Grenzen zu kennen. Auch in den Kantonen Jura, Neuenburg, Waadt und Zug ist die Bank nun präsent.

 

Doch dann folgten seltsame Machenschaften, die einer Regionalbank schlecht anstehen: Da war mal das Optionsprogramm, durch das der Valiant-Führungsriege 25 Millionen Franken zuflossen. Je höher der Aktienkurs, desto mehr werfen die Optionen ab. Dann kamen drei Aktienrückkaufsprogramme zwischen 2007 und 2010, welche ebenfalls den Aktienkurs stützten. Während also der Rest der Bankenwelt darum bemüht war, die Eigenmittelbasis zu stärken, kaufte Valiant über zwei Millionen Aktien zurück und vernichtete sie. Das war gut für die Wachstumsstrategie, da Valiant ihre Aktien

 

 

 

 

als Akquisitionswährung einsetzte. Das war auch gut für das Bonusprogramm. Heute wäre Valiant froh um ein dickeres Kapitalpolster.

 

Selbst während der Finanzkrise, als die Bankaktien rund um den Globus purzelten, verharrten die Valiant-Aktien bei 200 Franken, bis dann im Herbst vor zwei Jahren der ominöse Kurssturz erfolgte. Die Aktie verlor nach und nach an Höhe und kostete diesen Sommer zwischendurch nur noch 75 Franken.

 

Für den GAU war schliesslich die Finma besorgt: Sie untersuchte über ein Jahr lang, weshalb der Aktienkurs der Valiant derart lange jeglicher Unbill zu trotzen vermochte. Im April dieses Jahres warf sie dann den Verantwortlichen Marktmanipulation vor. Ein happiger Vorwurf. Kurz darauf kündigte Kurt Streit den Rücktritt als Verwaltungsratspräsident auf die GV 2013 an. Er hält dieses Amt seit 2009 inne. Auch der Finanzchef Rolf Beyeler verlässt das sinkende Schiff. Er gilt als Architekt der umstrittenen Options- und Aktienrückkaufprogramme. Noch immer im Amt sind dagegen CEO Michael Hobmeier und sein Vize Martin Gafner.


 
 
Kommentar: En Vorteil für die Kantonalbank ist kaum zu erkennen 

 

Die Berner Kantonalbank (BEKB) ist gut unterwegs. Sie hat aus der Immobilienkrise Anfang der Neunzigerjahre die Lehren gezogen und ist seither einen konservativen Kurs gefahren. Das wurde von allen Seiten honoriert. Äusserst progressiv und nicht im Stil der BEKB wäre dagegen das Ansinnen, eine schweizweit tätige Regionalbank wie die Valiant-Gruppe einzuverleiben. Die BEKB wird zwar Ende Jahr die Staatsgarantie verlieren. Freilich nur die gesetzliche, faktisch bleibt die Staatsgarantie bestehen. Der Kanton Bern als Mehrheitsaktionär kann die BEKB nicht fallen lassen. Sie ist «too big to fail».

 

Das wirft die Frage auf, weshalb die Berner Staatsbank in der ganzen Schweiz Filialen betreiben und Kredite vergeben soll. Darüber kann man vorläufig nur spekulieren: Die BEKB hätte natürlich die Möglichkeit, die Aktiven ausserhalb des Marktgebiets zu verkaufen. Damit wäre aber nur das eine Problem gelöst. Was macht sie mit all den Valiant-Filialen im Kanton Bern? Die beiden Filialnetze überlappen sich. Rein wirtschaftlich müsste die BEKB einen grossen Teil der Valiant-Filialen oder eigene Stützpunkte schliessen und Hunderte von Leuten auf die Strasse stellen. Auch das entspricht nicht dem Stil der Kantonalbank, die mehrheitlich dem Steuerzahler gehört. Kurz: Aufgrund des heutigen Kenntnisstandes ist es schwierig, nachzuvollziehen, was die Kantonalbank bei einer Übernahme der Valiant-Bank für Vorteile erzielen soll.

 

Offen ist die Frage, ob allenfalls ein ausländischer Riese an der Valiant-Bank Interesse haben könnte und die BEKB gewissermassen als weisser Ritter dazwischenfahren könnte. Der Hauptsitz der Valiant-Bank befindet sich am Bundesplatz; ein Steinwurf vom BEKB-Hauptgebäude entfernt. Am gleichen Platz befinden sich Bundeshaus und Nationalbank. Was ist davon zu halten, wenn im ehrwürdigen Sandsteingebäude der Valiant plötzlich Chinesen, Deutsche oder andere Ausländer das Sagen haben? Das könnte manchem patriotischen Herzen missfallen.

 

Noch ist nichts unterschrieben. Und vor allem dürfte auch der Grosse Rat ein Wörtchen mitreden wollen. Viele Räte mögen sich sehr wohl an die turbulenten Neunzigerjahre erinnern, als die BEKB mit Steuergeldern gerettet werden musste. Für irgendwelche Abenteuer werden sie kaum zu haben sein.

 

Erschienen in der BZ am 6. Dezember 2012

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Claude Chatelain