Rentner erhalten 40'000 Franken zu viel

Rentnerinnen und Rentner am Strand
Rentnerinnen und Rentner am Strand

Die Lücken in der staatlichen und in der beruflichen Vorsorge sind insofern verheerend, als künftige Generationen die Zeche dafür bezahlen müssen. Die Universität St.Gallen stellte gestern eine neue Studie vor.

Werden in der beruflichen Vorsorge keine Anpassungen vorgenommen, so erhält jede künftige Rentnerin und jeder künftige Rentner im Schnitt 40'000 Franken zu viel. Zu viel heisst, dass der Rentner oder die Rentnerin besagte 40'000 Franken nicht selber finanzierte, wie das für die zweite Säule vorgesehen wäre. Zu viel heisst ebenfalls, dass die Erwerbstätigen einen grossen Teil der Renten bezahlen müssen. «Für die Jungen ist das untragbar», meint Professor Martin Eling von der Universität St.Gallen. Er ist Autor der Studie «Generationenvertrag in Gefahr», welche gestern in Bern vorgestellt wurde.

 

40 Milliarden Unterdeckung

 

Weiter stellt das Institut für Versicherungswirtschaft fest, dass sich im schweizerischen Vorsorgewesen bis ins Jahr 2030 ein Fehlbetrag von 110 Milliarden Franken türmen wird – je 55 Milliarden in der staatlichen ersten und der beruflichen zweiten Säule. Auch diese Schätzung basiert auf der Annahme, dass weiterhin am Status quo festgehalten wird. Die Berechnungen für die AHV hatte das Bundesamt für Sozialversicherungen bereits angestellt. Neu sind die Zahlen für die berufliche Vorsorge, also für die zweite Säule. Diese weist derzeit laut Martin Eling eine Unterdeckung von 40 Milliarden Franken auf.

 

Die drei Säulen wackeln

 

«Die Höhe des Umwandlungssatzes muss dringend überdacht werden, um diesen Transfer von Jung nach Alt in der beruflichen Vorsorge zu beseitigen», sagt Eling. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass das international anerkannte Drei-Säulen-System in seinen Grundpfeilern untergraben und gefährdet werde.

 

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Dass der gesetzliche Umwandlungssatz von derzeit 6,8 Prozent zu hoch ist, stellt freilich keine neue Erkenntnis dar. Mit diesem Satz wird das Pensionskassenkapital in eine Rente umgerechnet. Ein Kapital von 100'000 Franken ergibt somit beim heutigen Satz von 6,8 Prozent eine Rente von 6800 Franken pro Jahr. Im Frühling 2010 hatte das Schweizer Volk die Senkung dieses Satzes auf 6,4 Prozent hochkant verworfen, nachdem die Gewerkschaften gegen die BVG-Revision das Referendum ergriffen hatten. Doch laut Eling sind auch 6,4 Prozent zu hoch. Bei der heutigen Lebenserwartung müsste dieser bei 5,8 Prozent liegen. Und da die Lebenserwartung gemäss Prognosen weiter steigen dürfte, müsste der Umwandlungssatz bis ins Jahr 2030 auf 5,5 Prozent fallen.

 

Unter Generationenvertrag verstehen die Studienautoren den «Zusammenhalt zwischen den Generationen, indem er den fairen Austausch von Geben und Nehmen zwischen Jung und Alt sicherstellt». Nun ist dieser Zusammenhalt nicht nur wegen der Vorsorgelücken sowie der Kranken- und Unfallversicherung in Gefahr. Auch ausserhalb der Sozialpolitik sind Transferzahlungen von Jung in Richtung Alt programmiert. So werden gemäss den Studienautoren auch die Kosten der von der heutigen Generation verursachten Umweltschäden von künftigen Generationen bezahlt werden müssen.

 

Berset geht zu wenig weit

 

Bundesrat Alain Berset hat vor zwei Wochen seine Vorstellungen für eine Reform der Altersvorsorge kundgetan. «Die Vorschläge sind ein Schritt in Richtung mehr Generationengerechtigkeit», sagt Professor Eling. Doch die Vorschläge gingen nicht weit und nicht schnell genug.

 

Berset stellt sich eine umfassende Reform vor, eine sogenannte Paketlösung. Das wirft die Frage auf, ob dem SP-Sozialminister überhaupt an einer Reform gelegen ist. Paketlösungen finden erfahrungsgemäss nur selten Mehrheiten. Deshalb regt sich im Parlament bereits Widerstand. Bürgerliche Parlamentarier haben dringliche Vorstösse eingereicht, um bestimmte Massnahmen, etwa die Erhöhung des Frauenrentenalters, vorzuziehen und möglichst rasch zu behandeln.

 

Erschienen in der BZ am 5. Dezember 2012

Claude Chatelain