Swiss Life: Der Flop mit der AWD ist nur einer unter vielen

Rolf Dörig, VR-Präsident von Swiss Life, war zur Zeit der fatalen Akquisition Konzernchef.
Rolf Dörig, VR-Präsident von Swiss Life, war zur Zeit der fatalen Akquisition Konzernchef.

Seit die einst so stolze Rentenanstalt im Jahr 1997 von einer Genossenschaft zu einer börsenkotierte Aktiengesellschaft wurde, reihte sich Panne an Panne: 1999 übernahm der Lebensversicherer für teures Geld die Tessiner Banca del Gottardo, nur um sie acht Jahre später für wenig Geld wieder zu verscherbeln:  Bezahlt hatte sie 2,4 Milliarden; bekommen  1,77 Milliarden.  Dann kam 2002 mit dem verfänglichen Namen  «Long Term Strategy LTS» eine schwarze Kasse zum Vorschein, mit welcher sich die Direktoren vergolden wollten.

Die neue Crew mit dem früheren Credit-Suisse-Banker Rolf Dörig als Konzernchef wollte mit der Vergangenheit brechen und nannte den Lebensversicherer fortan Swiss Life.  Doch die Pechsträhne riss nicht ab: 2007 kaufte Swiss Life für 1,9 Milliarden Franken den zweifelhaften deutschen  Finanzvermittler AWD, der auch in der Schweiz sehr präsent war. Schon damals mangelte es nicht an kritischen Stimmen: Swiss Life und AWD - das passe schon wegen der unterschiedlichen Kulturen nicht zusammen, hiess es.

Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Das mögen sich die Verantwortlichen sagen, da sie für ihre Tochtergesellschaft AWD erneut hohe Abschreibungen vornehmen müssen.


Im Nachhinein? Falsch. Schon  bei der Akquisition des Finanzdienstleisters vor fünf Jahren schüttelten Branchenkenner den Kopf. Aus zwei Gründen: Erstens hatte der AWD  seit Beginn ein angekratztes Image. Er gilt als Erfinder des  so genannten Strukturvertriebs: Unbedarfte Leute wurden  in einer Schnellbleiche zu Verkäufern von Lebensversicherungen gemacht. Die Produkte verkauften sie hauptsächlich Freunden, Verwandten und Bekannten. Gleichzeitig versuchten sie,  die Abnehmer der Produkte ebenfalls als Policenverkäufer anzuheuern.  Dieses Treiben wurde zwar im Verlauf der Jahre aufgegeben. In der Zwischenzeit werden an AWD-Mitarbeiter höhere Anforderungen gestellt. Doch der Markenname AWD wird trotzdem mit Drückerkolonnen gleichgesetzt.

Bruno Gehrig war zur Zeit der fatalen Akquisition VR-Präsident.
Bruno Gehrig war zur Zeit der fatalen Akquisition VR-Präsident.

Zweitens verlor der AWD mit der Übernahme durch Swiss Life seine Unabhängigkeit und damit sein höchstes Gut. Swiss Life beteuerte zwar, beim AWD werde nicht dreingeredet. Doch vor drei Jahren beschied das Landgericht Hannover, der AWD dürfe nicht mit dem Begriff «unabhängig» werben. Der Finanzvertrieb gehöre einer Versicherungsgesellschaft und sei daher nicht unabhängig.


Der Flop der AWD-Übernahme geht aufs Konto des damaligen VR-Präsidenten Bruno Gehrig. Doch auch sein Nachfolger  Rolf Dörig steht in der Verantwortung: Er war zur Zeit des krassen Fehlentscheids Präsident der Konzernleitung.

 

Erschienen in der BZ am 29. November 2012

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Claude Chatelain